Artikel aus Nr. 11, Juli 2004, Autor: Werner Winkler

 

Psychologie in der Literatur: Die Macht des Zuhörers

 

H.G. Wells wurde durch sein Buch "Krieg der Welten" weltweit bekannt - er hat jedoch eine Reihe weiterer lesenswerter Bücher geschrieben, unter anderem "Die ersten Menschen auf dem Mond", in dem erzählt wird, wie ein einsamer Ingenieur in seiner Scheune auf dem Land eine Mondrakete konstruiert und damit mitsamt einem neugierigen Nachbarn die Reise in den Weltall antritt. In der folgenden Szene schreibt der Nachbar darüber, wie er alleine durch sein neugieriges Zuhören half, die Arbeit des Erfinders voranzutreiben:

"Schließlich erhob er sich, um wegzugehen, wobei er sich noch wegen der Länge seines Besuches entschuldigte. Wie er sagte, würde ihm das Vergnügen, über seine Arbeit reden zu dürfen, nur allzu selten zuteil. Nicht oft fände er einen so intelligenten Zuhörer wie mich." und später ermutigt er ihn: "warum kommen Sie nicht her und erzählen mir von ihrer Arbeit? Benutzen Sie mich als eine Art Wand, gegen die Sie wie Bälle ihre Gedanken werfen, um sie dann wieder aufzufangen?"

Der Nachbar, der vom Wort "Coaching" noch nichts gehört hat, erwiedert:

"... natürlich würde es für mich eine große Hilfe bedeuten. Nichts vermag die Gedanken so zu klären, wie wenn man sie einem anderern auseinandersetzt."

Nun beginnt eine Gesprächsbeziehung, wie man sie heutzutage nicht selten in Form von Mails beobachten kann:

"... er kam am nächsten Tag wieder und auch am Tag darauf ... und ich saß derweilen in meinem zweiten Klappsessel und warf nur von Zeit zu Zeit "Ja" oder "Nur weiter" oder "Ich folge Ihnen" ein, um ihn in Gang zu halten. Es handelte sich um entsetzlich schwierige Fragen, aber ich glaube, er hatte keine Ah-nung, wie wenig ich nun wirklich von alldem verstand."

Der Erfinder profitiert sichtlich und kommentiert: "Seltsam, wie man doch neue Gesichtspunkte gewinnt, wenn man erst einmal über eine Sache redet."

 

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