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Lehrbuch Psychographie - Menschenkenntnis mit System

 

 

 

 

Leseprobe: Seite 121 ff.:

Auswirkungen der Psychographie im Alltag

 

 

 

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Auswirkungen der Psychographie im Alltag

Der psychographische Ansatz existiert seit über zehn Jahren. Welche Folgen der typorientierten Sichtweise lassen sich nun im täglichen Leben beobachten?

1. Zuwachs an Selbsterkenntnis

Mit jedem Bereich, in dem man die eigene Gewichtung herausfindet, wächst die Erkenntnis über die individuelle (unbewusste) Persönlichkeitsstruktur. Immer häufiger wird man sich dabei 'ertappen', dass man sich typspezifisch verhält.

2. Ein anderes Lebensgefühl

Für viele steht als Folge des Wissens um die eigene Psychognomie und Typzugehörigkeit ein verändertes Lebensgefühl im Vordergrund. Für sie ist die Zugehörigkeit zu einer 'Typfamilie' die Bestätigung ihres eigenen Erlebens. Wenn man hört, dass es 'normal' ist, anders zu sein als andere, muss man sich nicht mehr bemühen, den Vorstellungen Dritter zu entsprechen. Man bekommt sozusagen die Erlaubnis für sein 'So-sein' und kann eigene Wege selbstbewusst gehen. Eine (Handlungstyp-) Teilnehmerin eines Seminars drückte es mit den Worten aus: "Hier habe ich gelernt, dass ich normal bin und so sein darf, wie ich mich fühle. Und dass ich nicht die Erwartungen anderer erfüllen muss." Dieses Gefühl, 'o.k.' zu sein, wurde bereits in der Transaktionsanalyse gefördert und mit dem Satz: "Ich bin o.k., du bist o.k." auf den Punkt gebracht.

3. Öfters lächeln können

Durch das psychographische Typwissen wird oft ein verständnisvolles Lächeln gegenüber dem Verhalten anderer möglich. Wo man sonst vielleicht vor einem Rätsel steht oder das Schlimmste vermutet, kann man aus dem Typwissen heraus den anderen in seiner typspezifischen Eigenart viel besser verstehen. Da diese Eigenarten häufig so überaus typisch sind, bleibt nichts als besagtes Lächeln. Es ist, als ob man für einen Moment die Welt mit den Augen des anderen sehen könnte.

4. Erweiterte Toleranz

Das Wissen um die Andersartigkeit eines Gegenübers macht allein noch keinen Unterschied. Erst durch den Glauben an die Gleichwertigkeit und den Respekt voreinander wird sich das Wissen um die Unterschiede in erweiterter Toleranz auswirken. Sehen wir in einem anderen einen besonders reifen oder weisen Menschen, werden wir ihm damit genauso wenig gerecht, wie wenn wir nur seine Schwachstellen beachten. Beobachtete Unterschiede sind allzu oft nur in der Typverschiedenheit begründet; diese ist aber weder eine Errungenschaft noch ein Vergehen, sondern eine Vorgabe der natürlichen bzw. angeborenen Persönlichkeitsstruktur.

Toleranz benötigt, damit sie tief greifend wird, auch Interesse und Neugier. Hat man sich dem Wesen und den Vorstellungen seines Mitmenschen tatsächlich genähert, kann es durchaus geschehen, dass man das, was man entdeckt, nicht lieben, unterstützen oder schätzen kann. Mit Hilfe der Psychographie gelingt es dann leichter, eine respektvolle Distanz einzuhalten, was ebenfalls ein Ausdruck von Toleranz ist. "Lass einen jeden sein, wer er ist, so bleibst du auch wohl, wer du bist." (Martin Luther, Tischreden 414).

5. Veränderung der Attribution (Zuschreibung)

Das eben Gesagte lässt sich noch radikaler ausdrücken: Weil die Unterschiedlichkeit in Folge der Typverschiedenheit so gravierend ist, lässt diese Sichtweise andere mögliche Ursachen in den Hintergrund treten. Konkret heißt das beispielsweise, dass aus psychographischer Sicht ein Sachtyp-Mann und eine Sachtyp-Frau mehr Ähnlichkeiten zeigen können als ein Sachtyp-Mann und ein Handlungstyp-Mann. Diese Aussage erscheint manchen überzogen oder sogar störend (für die eigene Identität), besonders wenn sie sich in ihrer persönlichen Sichtweise von 'typisch Mann' oder 'typisch Frau' gut eingelebt oder den jeweiligen kulturellen Erwartungen angepasst haben.

Falls die Psychographie aber eine treffendere Beschreibung der Wirklichkeit (im Hinblick auf Persönlichkeitsunterschiede) als andere Modelle leistet, erklärt sie damit einen Großteil der bisher üblichen Erklärungen für unpassend. Dasselbe gilt für Literatur, die versucht, den Geschlechtern bestimmte Persönlichkeitsmuster zuzuordnen. Nach Beobachtung vieler Psychographen wird man anderen Menschen viel eher dadurch gerecht, dass man ihren Persönlichkeitstyp ernst nimmt. Unter den Etiketten 'Kinder', 'Frauen' und 'Männer' sammeln sich allzu oft nur persönliche Erfahrungen oder gar Vorurteile.

6. Typspezifisches Verhalten gegenüber Kindern

Alles, was die Psychographie über die Persönlichkeitsunterschiede herausgefunden hat, lässt sich auch auf Kinder übertragen (vgl. S. 57). Selbstverständlich entwickeln Kinder vielerlei Eigenschaften, die unabhängig vom Persönlichkeitstyp ihre unverwechselbare Eigenheit ausmachen. Es zeigt sich aber, dass man sie viel besser versteht, wenn man das psychographische Wissen mit einbezieht.

Vereinfacht gesagt versucht man, einem Handlungstyp-Kind handlungstypisch zu begegnen (etwa, indem man ihm im Beziehungsverhalten das Tempo und die Initiative überlässt), dem Beziehungstyp-Kind beziehungstypisch (man zeigt Interesse und nimmt sich Zeit), dem Sachtyp-Kind sachtypisch (ruhig, sachlich und gelassen). Dazu kommt die Möglichkeit, das eigene Verhalten und die Interaktion (aus dem Wissen um den eigenen Typ heraus) besser zu verstehen. Ohne psychographisches Wissen bräuchte man dafür vermutlich ein halbes Leben an Erfahrung und Übung.

7. Typspezifische Lösungen

Ein Nutzen der psychographischen Sichtweise ist die Fähigkeit, Erzählungen über Probleme und Lösungen mit einem 'typspezifischen Etikett' zu versehen, bevor man sie im eigenen Erfahrungsschatz abspeichert. Sie tragen dann nicht mehr die Aufschrift "Erzählung von Herrn X oder Frau Y", sondern "Erzählung eines Denkers" oder "... eines Handlungstyps". So lassen sich leichter Ratschläge oder Tipps aus dieser vorsortierten Sammlung geben. Da man infolgedessen häufig positive Rückmeldungen seiner Gesprächspartner erhält, versucht man natürlich, dieses Repertoire zu erweitern. Ein (typfremder) Klient in der (typgerechten) Beratung fragte einmal: "Wieso verstehen Sie mich so gut, geht es Ihnen genauso?". Er war sichtlich verblüfft, auf Verständnis zu stoßen, obwohl man sich erst seit kurzem kannte. Ähnliches wird umso häufiger geschehen, je rascher man Typen auseinanderhalten kann und über typische Probleme und Lösungsansätze Bescheid weiß.

8. Wertschätzung

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, nämlich die Wertschätzung des anderen, gelingt mit Hilfe der Psychographie deutlich einfacher. Da man in 80 von 81 Fällen davon ausgehen kann, dass der andere nicht zum gleichen Untertyp gehört wie man selbst, wird man von vorneherein eine offene, aufmerksame Haltung einnehmen. Wenn man nun versucht, typische Stärken und Besonderheiten des anderen zu entdecken, findet man sie auch. Die unangenehmen oder unverständlichen Seiten lassen sich dann möglicherweise den bekannten Schwachstellen der einzelnen Typen zuordnen. Hat man etwas aber als typisch erkannt, lässt sich damit viel nachsichtiger oder verständnisvoller umgehen. Auch mit sich selbst, mit seiner eigenen, typischen Persönlichkeitsstruktur und ihren Auswirkungen wird man dann leichter auskommen. Über bewusst zustande gekommene Fortschritte kann man sich mehr freuen, als wenn diese scheinbar zufällig 'passieren'. Besonders interessant ist es natürlich, einem Menschen zu begegnen, der zum gleichen Untertyp gehört. Solche Begegnungen sind anfangs fast unheimlich, da man sich in gewisser Weise wie in einem Persönlichkeitsspiegel betrachten kann.

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