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Artikel aus Nr. 8, Juli 2003, Autor: Werner Winkler
Wirtschaftskrisen und kein Ende? Leben hinter den Grenzen des Wachstums.
Angenommen, unsere Weltwirtschaft schwächelt weiter - nicht nur durch eine der vielen möglichen Katastrophen sondern durch eine sich abzeichnende Umkehr der Geburtenraten (zumindest in den Industrieländern) - welche Prioriäten ergeben sich dann für die Politik und das Leben des Einzelnen? Im Ergebnis hieße das dann doch, dass sich die Warenkreisläufe, die Bildungswege und die Sicherheitskonstruktionen verändern. Bisher sind wir auf Wachstum, Entwicklung und immer dichtere Besiedelung eingestellt. Kehrt sich dieser Trend um, wie derzeit in Ostdeutschland eindrucksvoll zu beobachten, entsteht eine vollkommen neue Situation, mit der viele Menschen nur schwer zurechtkommen werden. Denn dann ist eine Rückbesinnung auf Werte notwendig, die vermutlich zur Alltagsausstattung jedes mittelalterlichen Menschen gehörte. Die Grundhoffnung ist für viele Menschen der Fortschritt - das Vertrauen, dass es immer besser und optimaler werden wird. Endet dieser Fortschrittsglaube, werden die "Grenzen des Wachstums" erreicht, setzt eine 'Glaubenskrise' ein. Auf individueller Ebene geschieht dies tagtäglich, z.B. durch Verlust eines sicher geglaubten Arbeitsplatzes oder dem Zusammenbruch einer identitätsgebenden Existenzgrundlagen. Was passiert aber auf gesellschaftlicher Ebene, wenn sich keine Inseln des Wohlstandes mehr finden in die man dann ausweichen kann (wie es derzeit viele Osteuropäer im Westen versuchen)? Dies ist nicht abzusehen und in seiner Wirkung auf den Einzelnen nur schwer vorstellbar. Erste Ausläufer dieser möglichen Ver-änderung erreichen bereits die Beratungspraxis: Was kann man jemand raten, der nach zehn Jahren Abendschule und Studium ohne Aussicht auf einen qualifizierten Arbeitsplatz dasteht und überlegt, wieder Blumen zu verkaufen? Denn erst im Verlust dieser Sicherheiten wird sich erweisen, ob jemand trotz der gewohnten 'Segnungen' des Wohlstandes noch Zugang zu den menschlichsten Qualitäten finden kann oder ob er schon so abgestumpft ist, dass er sich dann nicht mehr kennt oder kennen mag. Vermutlich sind hier die Menschen des europäischen Ostens denen des Westens voraus, weil sie eben nicht selbstverständlich Zugang zu solch einschläferndem Wohlstand oder sozialer Fürsorge hatten. Ob jemand noch Lebensqualität empfinden kann, wenn er als Ich-AG oder Job-Hopper ohne gesetzliche Krankenversicherung und Rentenzahlungen des Arbeitgebers in ei-ner einfachen Behausung ohne Kabelanschluss leben soll, wird sich zeigen. Die Erkenntnis, dass das kein Abenteuer-Urlaub sein wird, aus dem man jederzeit zurückkehren kann, könnte so manchem den Verstand rauben und ihn in Verzweiflung stürzen. Vielen könnte es jedoch als Rückkehr ins Land der Menschlichkeit erscheinen - aber nur, wenn dieser Übergang nicht abruppt, sondern nach und nach geschieht - aufzuhalten ist er wohl nicht; Grund genug also für beratend Tätige, sich auf solche Problematik und Fragestellung vorzubereiten.
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