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Die
Freiheit, sich einen Ursprung der Welt zu denken - und deren
Folgen Die Idee vom Urknall weiter am Bröckeln Nachdem immer mehr Physiker beginnen, am sogenannten 'Urknall' zu zweifeln, frage ich mich, welche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit die Erkenntnis hätte, man habe sich hier geirrt? Wäre das nicht genauso schlimm als ob plötzlich herauskäme, dass wir nicht vom Affen, sondern vom Schwein oder vom Schaf abstammen würden? Spaß beiseite: Bisher galt die Frage nach dem Anfang des Universums und damit nach unserem eigenen menschlichen Dasein als weitgehend geklärt. Zweifler wurden als rückständige Religiöse oder esoterische Abgehobene beiseite getan. Nun tauchen immer mehr Hinweise auf, dass irgendetwas im modernen physikalischen Weltbild nicht stimmt. Das Universum dehnt sich auf eine Weise aus, so die Beobachtungen, die nicht mit der bisherigen Vorstellung zusammenpasst. Als Helfer in der Not kreiert man "dunkle Energie" und "dunkle Masse", also ob mit den geheimnisvollen "schwarzen Löchern" nicht schon genug Angstpotential in die Klassenzimmer getragen würde. Und nun auch noch das - die hektische Suche nach Alternativen zum einen großen, hellen Anfang und seiner glorreichen, zielgerichteten Evolution. Ein kreisförmiges, sich immer wieder erneuerndes Universum wird diskutiert; kein neuer Gedanke, das dachten sich schon die alten Inder so. Vielleicht ist die Zeit selbst, an der die Wissenschaftler alle Ereignisse wie Perlen an der Schnur aufreihen, nur eine subjektive Einbildung menschlicher Hirne? Steckt womöglich sogar die Zeit als dritte Erscheinungsform (neben Wellen und Teilchen) im sich ausbreitenden Licht. Einsteins Gedanken ließen sich in dieser Weise mit etwas Fantasie weiterdenken.
Die Frage nach dem Anfang als 'unentscheidbare Frage'? Der Anfang also wieder offen? Ratlosigkeit oder gedankenloses Warten auf die nächste 'Offenbarung' mit begrenzter Haltbarkeitsdauer? Ich wage die These, dass die Frage nach dem Anfang der Welt zu den "unentscheidbaren Fragen" gehört, also zu einer Kategorie an Fragen, in der Antworten nicht mit 'richtig' oder 'falsch', sondern eher mit 'geeignet/ungeeignet', 'nützlich/weniger nützlich' bewertet werden (und somit außerhalb jeglicher Inquisition oder wissenschaftlicher Beweisführung stehen). Wäre die Frage nach dem Anfang eine solche unentscheidbare Frage, hieße das, wir könnten uns - jeder für sich - eine Option ausdenken, weil niemand es genau sagen kann. Das wäre doch eine neue Partyfrage statt dem ausgelutschten "Und was arbeiten Sie?". "Was halten Sie vom Anfang?" würde Pfeffer in die Gespräche bringen und rasch zeigen, wes Geistes Kind wir da vor uns hätten. Poeten und Kinder kämen zu Wort, fantasielose Gesellen und Bildzeitungsgebildete rasch ins Stocken.
Anfangsidee und Daseinsidee hängen zusammen Falls Sie sich nun fragen, was das Denken eines Menschen über den Anfang mit seiner psychischen Gesundheit zu tun haben soll, zwei vergleichende Beispiele: 1. Herr A. denkt, die Welt sei durch einen zufälligen eruptiven Knall zusammengeballter Masse-Energie-Suppe entstanden; er selbst also das Ergebnis einer kosmischen Blähung gigantischen Ausmaßes - welchen Sinn gibt das seinem Dasein? Direkt ableitbar wohl keinen, also gibt er sich mit der vorgegebenen Schablone des konsumierenden und Konsumprodukte herstellenden Wesens ab und wartet auf die immer unsicherer werdende Rente. 2. Frau B. denkt, die Welt sei einem fantasievollen, aber mächtigen Kinderhirn entsprungen, das versucht, sich eine eigene Welt mit lebendigen Figuren (Menschen, Tieren, Pflanzen) zu erschaffen, in deren Seelen es kurzerhand schlüpfen und mitleben, mitträumen und so seine Freude an allem möglichem haben kann. Teilen Sie nicht meine Einschätzung, dass Herr A. und Frau B. aus psychologischer Sicht ein sehr unterschiedliches Lebensgefühl generieren, wenn sie so oder so denken? Die Freiheit, sich einen Anfang auszudenken, der meinem Leben einen Sinn gibt (und ihn immer wieder neu oder parallel in verschiedenen Variationen zu denken) eröffnet sich, wenn die Frage nach dem Anfang nicht exakt zu beantworten ist, was immer wahrscheinlicher wird.
Vier vielleicht verrückte Vorstellungen ... Also, habe ich mir gesagt, nur Mut und Anfangsfantasien ausgedacht. Wer weiß, wozu die noch gut sein können. Die Version von Frau B. habe ich schon beschrieben und will dazu nur ergänzen, dass es Religionen geben soll, in denen ein "göttliches Kind" beschrieben wird. Eine zweite, mir nicht ganz unsympathische Vorstellung wäre, dass es gar keinen Anfang gäbe, sondern die Geschichte wie ein Kinderkarussell im Kreis verläuft und wir selbst in immer neuen Rollen auf- und abspringen, vielleicht sogar parallel an verschiedenen Stellen oder auf beide Spielzeugpferdchen gleichzeitig, um uns selbst anzulachen? Die dritte Vorstellung, zur Ergänzung der ersten (oder zweiten) wäre, dass sich unsere zeitliche Existenz mit allen Einschränkungen wie eine Blase innerhalb einer zeitlosen, perfekten Welt befindet (von der unser Geist ein Relikt darstellen könnte) und von dort nach hier immer wieder Energie, Ideen und schließlich wir selbst als Einzelwesen durchsickern. Das würde womöglich nicht nur die Sprünge in der Evolution, sondern auch so manches ungeklärte physikalische Phänomen in neuem Licht erscheinen lassen. Viertens die Vorstellung (um die Frage nach dem Sinn einer solchen Zeitblase zu beantworten), dass unsere Welt so etwas wie ein Spielplatz oder Theater darstellt (was schon griechische Philophen formulierten). Ziel wäre z.B., uns Gelegenheit zu geben, die Vollkommenheit, Perfektion und Zeitlosigkeit der 'anderen Seite' überhaupt schätzen zu können, indem wir hier gleichzeitig Unvollkommenheit, Unperfektheit und Zeitbegrenzung erleben. Wahrnehmung des einen durch Wahrnehmung des anderen, des relativen Gegenstücks, sozusagen. Wir kämen also mit einer tiefen Wertschätzung der 'dortigen' Zustände zurück, die wir ohne Erleben des 'Hier' niemals begreifen könnten. Vielleicht daher der friedliche Ausdruck auf den Gesichtern vieler Sterbenden, die schon 'halb' zurück auf der anderen Seite sind? Spekulation, sicher - aber auf dem Hintergrund einer unentscheidbaren Frage erlaubt Spekulation. Wieso die Welt unfreundlicher denken als denkbar?
... und die Konsequenzen für das alltägliche Leben Wie gesagt, nur vier Vorstellungen, die mir in manchen Situationen helfen, einen Sinn zu angeln, und nicht am trüben Wasser, den mir ab und zu der Blick in die Welt bietet, zu verzweifeln. Mein Sinn könnte so zum Beispiel heißen: Eine für Menschen lebensfähige Erde so lange wie möglich zu erhalten und das an sich unvermeidliche (und in Maßen nützliche) Leiden wenn irgendwie möglich, nicht ausufern lassen. Und wenn mich ein aus dem Zeitlosen herübersickernder Tropfen des Verstehens, des Liebenkönnens oder der Lebenskraft treffen sollte, ihn ohne großes Aufheben aufzufangen und damit meinen geliehenen Garten zu wässern. Zusätzlich bringt mich dieses Bild dazu, die sinnlose Anstrengung aufzugeben, innerhalb unserer Zeitblase alles verstehen zu wollen, jeden lieben zu können oder die dauerhafte Vollkommenheit des Seins zu erreichen. Das alles scheint mir nicht der Sinn unserer Welt zu sein, auch wenn die Erinnerung oder Aussicht darauf uns immer wieder Schmerzen und Antrieb zugleich bietet. Also: "Was denken Sie über den Anfang?"
Werner Winkler, Juli 2004
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