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4. Januar 2005 - Fortsetzung Februar 2005, Autor: Bernhard Heerdt
Ungleiche Liebe ?
Vor 2 Jahren im Cafe war SIE Tom sofort aufgefallen. Sehr schmal, sehr lang, sehr aufrecht, sehr farbenfroh, ein blonder Wuschelkopf mit rötlichen Strähnchen. Tom hatte seit einiger Zeit alle Antennen ausgefahren, denn er war in eine Krise geraten. Alle Anstrengungen im Nacheifern des elterlichen gutbürgerlichen Lebensentwurfes hatten ihm nicht das ersehnte Lebensglück gegeben. Ihn beschlich im Gegenteil das dumpfe Gefühl, dass dies alles nicht wirklich sein Ding war. Dabei hatte sich Tom so sehr bemüht den Erwartungen, besonders seiner ihn dominierenden Mutter zu entsprechen. Der letztendlich geringe Erfolg ließ depressive Gedanken in ihm aufkeimen. Er fühlte sich ausgeliefert und wusste nicht warum und wem. Tom war auf der Suche nach Liebe oder wenigstens nach einer Romanze, da er in seiner Familie und seinem Heim nach Ende der Gründungsphase nur Langeweile und keinen rechten Lohn für seine Mühe gefunden hatte. SIE sollte auf jeden Fall selbstbewusst sein, denn er wollte hinaus ins Leben und raus aus der ihm tödlich erscheinenden Langeweile. SIE ist ihm sofort aufgefallen. Eine Frau, die überall auffällt. Wie sie sich kleidet, sich gibt, und lacht! Die Begleitung einer kleinen, blassen Freundin mit zwei winzigen Kindern steigerte ihre Strahlkraft ins Unendliche. Tom hatte nach seiner Trennung gerade eine Therapie begonnen um seiner heranschleichenden Midlife Crisis zu begegnen. Auch sonst ergriff er langsam Maßnahmen. Zum Beispiel ein Seminar "Stil und Image, verbessern Sie Ihre Ausstrahlung". Er hatte gelernt charmant zu lächeln und eine Hausaufgabe der Kursleiterin war gewesen, anderen Menschen lächelnd in die Augen zu sehen um Kontakt zu finden. Viele Menschen entzogen sich seinen diesbezüglichen Bemühungen, aber SIE blickte zurück und lächelte ihn an. In seiner vorsichtigen Art dachte er ausgiebig über weitere Schritte einer möglichen Annäherung nach und empfahl sich dann über die gelblichen Tischreihen des Cafes hinweg mit einem freundlichen Nicken, welches Erwiderung fand. Tom empfand diese Erwiderung bedeutungsvoll und ermunternd. Wenige Tage später, um die gleiche Zeit, die sich Tom selbstverständlich gemerkt hatte, obwohl er sonst eher vergesslich ist, besuchte er wieder dieses Cafe in der Stadt. Sie war da, wieder strahlend als Herbstsonne, wieder mit ihrer blassen Freundin und den winzigen Kindern. Und sie entgegnete seinem Gruß mit einem aufmunterndem Lächeln, das er als sehr herzlich empfand und das ihn erwärmte. Er wagte einen Platz in geringerer Entfernung als zuletzt und dort einen Cappuchino zu nehmen. Den beigelegten Keks hob er für eines der winzigen Kinder auf. Eine lustige Begebenheit an dem Tisch, der den Abstand zwischen Tom und IHR markierte, gab Gelegenheit zu einigen zwinkernden Blickkontakten und als er das Cafe verließ bot er im Vorbeigehen einem der Kleinen seinen Keks an und es fielen erste Worte. Ihre Stimme war trotz der genossenen Zigaretten glockenhell. Tom erschauderte. Ob da was "laufen" würde ? Sie war wohl ein gutes Stück jünger als Tom, aber ihr Blick schien ihm irgendwie "mehr" zu bedeuten. Ohne dass SIE es merkte hatte er SIE zu seinem Engel gemacht. Nicht, dass sie die makellose Schönheit einer Miss Soundso an sich gehabt hätte. Das hatte Tom wohl bemerkt, aber sie hatte eine geheimnisvolle, fast orientalische Attraktivität, die ihn magisch anzog ......... und nicht nur ihn, wie er noch zu seinem Leidwesen erfahren würde. Als Tom das Cafe wieder betrat, schien es ihm, als hätte SIE auf ihn gewartet. Sie winkte sogar mit dem Arm! Tom nahm seinen Mut zusammen, bemühte sich cool und locker zu bleiben indem er fragte, ob er Platz nehmen dürfte. Er durfte ! Bei ihr und ihrer blassen Freundin und den winzigen Kindern, die ihrer Freundin angehörten. Nach einigen weiteren Treffen überraschte SIE ihn auf dem Rückweg vom Cafe zum Parkplatz mit den Worten: "Übrigens, ich bin die Angela und wie heißt Du?" Und zum Abschied durfte Tom sich, der blassen Freundin gleich, ein Küsschen bei Angela abholen. Damals dachte Tom alles andere, nur nicht, dass es gut 2 Jahre später und nach einen Haufen Auseinandersetzungen, Aufwendungen und geduldiger Beziehungsarbeit weiter immer noch bei einem Küsschen zum Abschied geblieben ist. Und das, obwohl sich Tom und Angela immer wieder gegenseitig der wachsenden Innigkeit ihrer Freundschaft versichern. Angela hat Tom sehr, sehr lieb, fühlt sich von niemanden so verstanden wie von Tom und sie lügt nicht. Tom fühlt sich in seiner Liebe stark verantwortlich für Angela aber seine Wünsche nach Nähe und Wärme haben sich trotz größter Bemühungen seinerseits nicht erfüllt. Tom fühlt sich allen lieben Worten zum Trotz von Angela vernachlässigt und in seinen Bemühungen ihr zu helfen ausgenutzt. Angela reagiert auf entsprechende Vorhaltungen unwirsch, denn aus ihrer Sicht tut Tom ja alles freiwillig. Oft fragt sich Tom, warum er so stark an einer Beziehung festhält, die viel seiner Energie kostet und ihm scheinbar so wenig gibt ? Ist es Hoffnung, ein schlechtes Gewissen, die Angst Angela der diese Beziehung, wie sie sagt, "sehr viel wert ist" weh zu tun, oder "echte" Liebe ?
Psychographisches Coaching (Abkürzungen: HT=Handlungstyp, ST=Sachtyp, BT=Beziehungstyp) Als Toms Coach habe ich versucht, die Geschichte psychographisch zu analysieren und Lösungswege aufzuzeigen. Interessant wäre es auch Angelas Sicht aus eigener Schilderung und nicht nur durch Toms "Brille" gefärbt zu beleuchten. Ich vermute, dass sich der ST Tom als Opfer seiner Zuneigung zum BT Angela sehen kann, weil er als ST paradoxerweise (!) in der Beziehung zu einem BT dazu zu neigt die Beziehungsarbeit zu leisten. Der BT reagierte darauf nicht (wunschgemäß), bzw. verstand gar nicht was die Beziehungsarbeit war, weil Beziehung für unseren BT ja nicht Arbeit sondern ureigene Natur ist. Außerdem ging Tom insoweit in die selbstgestellte Falle, weil er Angelas Interesse und Zuwendung auf seine Beziehungsarbeit zurückführte und meinen konnte, je mehr er arbeitete, desto größer werde die Zuwendung Angelas werden. Angela entwickelte tatsächlich ihre Gefühle für Tom über die ursprüngliche Belanglosigkeit hinaus, was sich Tom Wahrnehmungsfähigkeit aber entzog. Tom ging wohl fälschlicherweise davon aus, dass sich mit seiner Arbeit die Tiefe und Innigkeit der Beziehung in Richtung auf seine sachtypischen Erwartungen an eine Liebe entwickeln ließ. Ich vermute zudem, dass ein BT im Gegensatz zum ST meistens sehr schnell, ganz am Beginn einer Beziehung intuitiv festlegt wie er diese einordnet: Arbeitsebene, Freundschaft, Verliebtheit, Sexualität ja/nein. Eine Entwicklung aus dieser Ausgangslage in eine andere Beziehungsform findet schwer statt. Pech für den ST, der an eine Entwicklung in seinem Sinne geglaubt hatte. Und evtl. Pech für Angela, die sich auf die Arbeit und die Hilfe "ihres" ST eingestellt hat und dann gar nicht recht versteht warum Tom, der ja als ST einen gewissen Lohn für seine Mühen erwartet (Aufwand/Nutzen !) die Beziehung unter Schmerzen und Arbeitsverweigerung beenden oder reduzieren möchte. So gesehen könnte ein BT aufgrund seiner "Naivität" dann tatsächlich auch Opfer der Beziehung zu einem ST werden, indem er sich in der einen oder anderen (z.B. existenziellen) Weise vom ST abhängig gemacht hat.
Lösungsmöglichkeiten: Sachtyp Tom beendet seinen Leidensweg indem er mutig in Richtung Ressource geht und die Beziehung mit einem handlungstypischen "Nein" beendet. Anstelle der Radikalität könnte er auch nur sein für ihn schädliches (Arbeits-)Verhalten verneinen und lernen die Freundschaft lockerer so anzunehmen, wie sie ist. Dabei sollte er einen Weg suchen seine unbefriedigten Bedürfnisse außerhalb der Freundschaft zu Angela zu stillen und verstärkt der Frage nachgehen, welche Aktivitäten ihm selbst besonders gut tun. Eine fundierte psychographische Typanalyse, die sich auch auf die Unterbereiche erstreckt, kann ihm die richtigen Lösungswege aufzeigen. Gespräche mit einem psychographisch geschulten Coach bringen die notwendige Rückkoppelung um die gewünschten Verhaltensänderungen zu festigen. Angela könnte beginnen grundlegend Verantwortung in ihren existenziellen Themen zu entwickeln und damit auch in ihrer Zuwendung zu Tom unabhängiger und "sachtypischer" werden. Durch die damit verbundene Erschließung des "Vielleicht" wird sie auch das Gefühl ablegen sich mit einem unseligen "Ja" zu fest auf Tom festlegen zu müssen. Ich wäre gespannt auf ein Gespräch auch mit ihr. Psychographisches Happy End: In der geschilderten Konstellation könnte Tom Verantwortung zu übernehmen und sich in Richtung HT-Verhalten entwickeln (Mit dem Risiko ein angedrohtes "Nein" auch umsetzen zu müssen !). Hiermit gäbe er Angela den ST-Platz zur Entwicklung frei, wovon sie Gebrauch machen sollte. Tom wird an einer verbesserten (in diesem Fall nicht mehr leidvollen) Beziehungsqualität zu Angela erkennen, dass seine Entwicklung in der richtigen Richtung verläuft.
Fortsetzung Februar 2005: Gestern hatte ich "zufällig" Gelegenheit zu einem Gespräch mit Angela ! Und nun kann ich Tom erst richtig verstehen. Angela trägt ihren engelhaften Namen nicht zu unrecht. Selbst aus meinem "professionellen" Abstand betrachtet ist sie eine ungemein liebenswerte, liebenswürdige und attraktive junge Dame. Immer lächelnd und immer ein nettes Wort für fast jedermann. Ein Beziehungstyp, wie sie im Buche steht ! Wir waren einen Kaffee trinken (den sie sich natürlich von mir ausgeben ließ) und mir fiel auf, dass sie gleich das gesamte Servicepersonal des Cafés im Griff hatte und wenn ich sie nicht mehrfach erinnert hätte, dass wir eine Verabredung zu zweit hätten, wäre die Ecke, in die wir uns zurückgezogen hatten schnell zu einer großen Runde geworden. Als wir dann aber zum Thema gekommen sind, war sie ganz konzentriert bei mir. Daher bin mir sehr sicher, dass sie ein Wir-Beziehungstyp ist. Das DU ist ihre Energiequelle, da hat sie begonnen bei sich zu sein. Als sie bemerkte, wie (psychographisch) treffend ich ihr Fragen stellen und ihre Antworten zuordnen konnte begann sie neugierig mehr über sich erfahren zu wollen. Sie hat meine Informationen aufgesaugt wie ein trockener Schwamm. Meine strukturierter Umgang mit ihren Äußerungen hat sie anfänglich irritiert, danach aber ihre Selbsterkenntnis sehr gefördert. Über Tom hat sie sich sehr liebevoll geäußert, z.B. dass er ihr bester Freund sei, und so viel für sie getan hätte. Sie würde auch eine Liebe für ihn empfinden, die aber weitab jeder Erotik sei. Trotzdem hätte es sie ziemlich getroffen, als ihr Tom gerade erst eröffnete, dass sie ihn in Zukunft mit einer anderen, erotisch zugänglicheren Freundin werde teilen müssen. Es stünde ihm natürlich zu sich um seine Bedürfnisse zu kümmern und für sie klingt teilen immer noch besser als ganz hergeben. Ich habe vermieden ihr vom sachtypischen Umgang mit Alternativen zu erzählen. Ich halte Angela für eine geborene Gruppen- bzw. Teamleiterin. Sie braucht nichts explizit anzuordnen. Die Leute machen fast wie von selbst was Angela möchte. Dabei wird es aber für sie sehr wichtig sein, sich immer wieder ganz bewusst einzelnen Gruppenmitgliedern zuzuwenden. Andernfalls könnten sich diese nicht genügend von der Führungsfigur wahrgenommen fühlen und Gefahr laufen ihre Arbeitsmotivation zu verlieren. Nachdem Angela der Serviererin ein "WIR zahlen dann" zugeworfen, und ICH bezahlt hatte, zeigte sich sehr dankbar für das Gespräch lud mich nächste Woche zum Abendessen bei sich ein. Sie hat ein neues Arbeitsangebot und möchte meine Meinung dazu hören. Da weiß ich als Sachtyp noch nicht recht, ob ich das Angebot annehmen soll. Es wärmt einem schon das Herz von so einer strahlende Frau angelacht zu werden. Manchmal ist es schwer sich an die eigene psychographische Betriebsanleitung zu erinnern und die Zuwendung einer Beziehungstyp-Frau nicht zu überbewerten. Ach ja, bevor ich es vergesse, Tom hat gerade angeklingelt. Er ist aktiv geworden und hat eine nette Bekanntschaft gemacht! Sie heißt Franziska, hat beruflich mit Kindern zu tun und ist eine zurückhaltende und empfindsam Frau. So wie er sie beschreibt scheint sie eine "gelb" eingefärbte Sachtyp-Frau zu sein. Er sagt, sie suche die Freundschaft eines lieben Mannes, hätte aber nach ein paar Erfahrungen Angst vor Verletzungen. Ich habe ihm empfohlen, sie durch geschickt formulierte Fragen zum Nachdenken über sich selbst zu ermuntern aber sie nicht zu überreizen oder zu drängen. Falls sie eine "Fühlerin" ist, reagiert sie auf feine Signale und sendet auch solche. Da könnte es helfen zwischen den Zeilen zu lesen. Allerdings sollte er immer wieder prüfen, wie gut es ihm dabei geht und ob echte Fortschritte in seinem Sinne sichtbar werden. Es soll ihm ja nicht wieder so gehen wie mit Angela ! Er soll sich einfach mal trauen "dran" zu bleiben und darauf zu achten, daß bei typähnlichen Personen die "Fallen" doppelt lauern. Ich habe ihm eingeschärft so wahrhaftig und authentisch wie nur möglich zu sein. Fühlerinnen merken sofort wenn das gesprochene Wort nicht mit der Körpersprache stimmig ist.
Weitere Fortsetzung folgt (vermutlich).
Redaktionelle Anmerkung: Termine mit Bernhard Heerdt finden sich auf der Internet-Seite der Psychographie-Initiative e.V. im Terminforum. Der Autor bietet neben dem psychographisch-typgerechten Coaching auch Seminare für Firmen und Institutionen zum Thema "Typgerechte Kommunikation" an oder schult Coaches in Psychographie.
Copyright: Bernhard Heerdt und Werner Winkler Verlag 1/2005, Alle Rechte vorbehalten |