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Artikel aus Nr. 3, November 2001, Autor: Werner Winkler
Tipps für den lösungsorientierten Umgang mit Träumen und Albträumen
Zuerst soll mit einem weitverbreiteten Irrtum aufgeräumt werden: Das sogenannte 'Unbewusste' sagt nicht automatisch die Wahrheit, besonders nicht in Träumen! Träume geben in der Regel nur das wieder, was bereits in unserem 'Speicher' vorhanden ist - und das können durchaus Unwahrheiten oder unbegründete Ängste sein. Vielen scheint es auch schlicht unmöglich, Träume zu beeinflussen oder sie gar in eine konstruktive Richtung lenken zu können. Dabei gibt es grundsätzlich keinen Unterschied zwischen Tag- und Nachtträumen: Beide lassen sich nämlich mit einer gewissen Übung recht einfach selbst 'dirigieren'. Das wäre nun die erste Übung: Einzugreifen in das nächtliche Traumgeschehen, Szenen abzukürzen, zu verlängern oder zu wiederholen. Sie werden merken, dass es ganz leicht ist, wenn man es sich vor dem Einschlafen bewusst vornimmt. Als zweites kann man sich daran machen, Teile des Traums zu beachten (am Morgen), die man als nützlich betrachtet - und den Rest davon einfach zu ignorieren.
Was tun mit Albträumen? Gerade bei Kindern ist diese Erscheinung häufig und deren Leiden (wegen der geringeren Differenzierung zwischen Tag- und Traum-wirklichkeit) entsprechend stark. Traumtherapeuten aus Heidelberg haben eine einfache (lösungsorientierte) Methode entwickelt, wie Kinder Albträume verarbeiten oder sogar verändern können: Man bittet die Träumer, den angstauslösenden Traum auf ein DIN A4-Blatt zu malen. Dann klebt man das Bild auf einen großen Bogen Zeichenkarton und ermutigt die 'Klienten', das Bild 'weiterzumalen' - und zwar so, dass der Traum weniger angsteinflößend wirkt. Die Erfolge sprechen eine deutliche Sprache: Schon während des Malens und noch mehr während des Weitermalens verändert sich die Einstellung gegenüber dem Traum. Manchmal ändern sich danach sogar die Träume selbst und nehmen Elemente aus der Ergänzungs-Malerei auf. Nicht nur Therapeuten, auch Eltern können so (nicht nur) mit ihren Kindern konstruktiv an Albträumen arbeiten.
Bei der Auswertung von Träumen besteht mitunter die Gefahr, 'das Kind mit dem Bade auszuschütten' - besonders, wenn sie von ungewöhnlichen oder aufwühlenden Bildern begleitet sind. So spricht nichts dagegen, nur solche Teile eines Traums zu beachten (und auszuwerten), die einem dafür geeignet erscheinen. Geht man in jedem Fall allen Details eines Traumbildes nach, verirrt man sich rasch in den vielen möglichen Deutungen. Deshalb ist es ratsam, sich zunächst nur einen Aspekt vorzunehmen und sich darüber Gedanken zu machen. Auch aus unserer täglichen Wahrnehmung und den Tagesgedanken verwerten wir nur einen Bruchteil. Ist ein Traum sehr bedeutend oder das darin behandelte Thema weiter aktuell, wird es vermutlich noch öfters auftauchen. Aus psychographischer Sicht ergibt sich hier gerade für Beziehungstypen ein gutes Übungsfeld für das 'Ignorieren' von Dramatischem oder von Beziehungsträumen. Sie sollten sich mehr den sachlichen, existenziellen Aspekten zuwenden - Handlungstypen analog dazu mehr den Beziehungsträumen und Sachtypen den Träumen, in denen sie aktiv agieren. Nach den theoretischen Exkursionen der letzten Ausgaben nun ein praktisches Anwendungsbeispiel für lösungsorientiert-konstruktivistische Traumdeutung. Der Traum in den Worten des Träumers: "Ich gehe mit einem älteren Begleiter (einem Steuerberater) durch den Wald zu einem Gasthaus mit einer Werkstatt. Ich benutze dabei eine Abkürzung. Vor dem verfallenen Gebäude erwartet mich ein Eremit; er zeigt mir ein Skelett, das er dort gefunden und von Ameisen hat freilegen lassen. Dazu hat er es mit einem Gitter bedeckt, damit nicht die Tiere Knochen wegtragen. Er sagt: "Das werde ich der Stadt Saulgau vermachen." Im Traum überlege ich mir, wie man aus dem verfallenen Gebäude ein Seminarzentrum ma-chen könnte (und wie man Getränke hierher bringt). Da wird mir klar, dass es schon eine feste Straße dorthin gibt und der Fußweg (inkl. der Abkürzung) unnötig ist - er ist aber sehr reizvoll. Die Straße wird jedoch von niemanden benutzt, weil das Gebäude so unscheinbar aussieht." Zur Deutung des Traumbildes werden zu-nächst die Einzelteile durch den Träumer entschlüsselt (dabei ist sich der Träumer bewusst, dass Personen im Traum auch eigene 'Anteile' darstellen könnten: 1."Saulgau": am Tag vor dem Traum hat der Träumer in einer Ausstellung ein Bild mit dem Titel "David vor Saul" gesehen, das ihn sehr beeindruckt hat. Er sieht darin seinen Wunsch ausgedrückt, mit seiner Arbeit Einfluss auf politische Prozesse zu bekommen (die dargestellte Geschichte zeigt, wie es David gelingt, durch seine Musik den depressiven König Saul zu beruhigen). "Saul" wird zusätzlich als "Soul" (engl. Seele) gehört und daraus abgeleitet, dass es sich beim Traum um ein Psychologisches Thema dreht; "Gau" (in Anlehnung an den 'GAU' bei Kernkraftwerken) steht somit für extreme psychische Krisensituationen, "David" für eine machtlose, aber hoffnungsfrohe Position in solchen Situationen. 2. "Steuerberater": der Träumer hat einen älteren (wissenschaftlichen) Ratgeber gefunden, der ihm beim "Steuern" hilft und ihn begleitet. Das deckt sich mit aktuellen Erlebnissen. 3. Die "feste Straße" wird als eine wissenschaftlich objektive Methode interpretiert, über die der Träumer in den Tagen vor dem Traum intensiv nachgedacht hat. Die "Ameisen" stehen dann für die mühsame Arbeit der letzten Jahre; die "Tiere" für die Gefahr, denen das neu gefasste Wissen durch eigennützige Verwertung ausgesetzt sein könnte etc. Auf diese Weise übersetzt der Träumer die Traumelemente in seine eigene Welt und kann nachvollziehen, was in seinem Inneren parallel zur Tageswahrnehmung vor sich geht. Dabei lässt er bewusst Teile des Traums außer acht oder interpretiert sie versuchsweise in die eine oder andere Richtung. In diesem Fall vermittelt der Traum sowohl eine gewisse Gelassenheit, aber auch ein Bewusstsein für mögliche Gefahren oder Fallen. Als Übung könnte die Traumgeschichte fortgeschrieben werden.
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