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»Konflikt
der Kulturen«
Mit Toleranz verbinden wir meist Begriffe wie 'Religion', 'Weltanschauung' oder vielleicht noch 'Politik' - was hat dann 'psychische Gesundheit' damit zu tun? Angenommen, wir fragen uns einmal: "Wo hört meine Toleranz auf?" - dann wird rasch klar, dass jeder von uns eine bestimmte 'Tabulinie' in sich trägt, an der Akzeptanz in Ablehnung bzw. Misstrauen umschlägt. Bin ich mir bewusst, dass ich die jenseits dieser Linie liegenden Möglichkeiten nur sehr schwer werde nutzen können? Hier zeigt sich offensichtlich ein Zusammenhang zwischen Horizont (wieviele mögliche Weltsichten erlaube ich mir) und psychischer Gesundheit: Denn je begrenzter mein Spielraum, desto größer die Gefahr, darin keine Antworten oder Problemlösungsansätze für die momentane Situation zu finden. Jede Weltsicht könnte aus dem Wunsch entstanden sein, eine menschliche Schwierigkeit zu lösen. Also könnte jede Weltsicht und jedes Verhalten eine Lösung für Schwierigkeiten beinhalten, die auch mir begegnen könnte. Ein Beispiel: Ich sehe eine kurdische Familie beim Sonntagsspaziergang: Der Mann alleine voran, seine Frau mit ihrer Schwester und den Kindern in deutlichem Abstand dahinter. Möglicher Gedanke: "Ein Macho" oder "Eine frauenfeindliche Kultur". Später lese ich zufällig in einem Buch über fremde Kulturen, dass diese Verhaltensweise auf den Wunsch zurückgeht, die schwächeren Familienmitglieder vor Gefahren zu schützen; der Mann geht voran, um mögliche Gefahren auf dem Weg frühzeitig erkennen zu können. Mir fällt diese Szene wieder ein, als wir im Freundeskreis mit einer Horde Kinder im Bergwald Pilze suchen gehen: Besser, die Männer gehen ein Stück voran, auch wenn uns das fast unhöflich vorkommt. Jetzt verstehe ich dieses - mir bisher fremde Verhalten - und meine Toleranz (die Fähigkeit, fremdes Verhalten nicht sofort abzuwerten, sondern als möglicherweise wertvoll anzusehen) zahlt sich aus: Die Kinder scheinen sich auch bei schwierigen Streckenabschnitten sicher zu fühlen. Sie haben ja gesehen, dass der Weg gangbar ist. Was hat das mit psychischer Gesund-heit zu tun? Steve de Shazer schreibt: "Probleme sind Probleme, weil sie aufrechterhalten werden." Wer also seine Schwierigkeiten nicht lösen kann, bekommt ein Problem - und beginnt, nach einer Lösung zu suchen. Für diese Lösung stehen ihm aber desto mehr Möglichkeiten zur Verfügung, je größer sein Repertoire ist. Wie lernt man nun eine möglichst große Anzahl Problemlösungsansätze kennen? Indem man sich mit vielerlei Weltsichten (oder therapeutischen Vorgehensweisen) beschäftigt und sie als eine Möglichkeit (im Umgang mit der Welt oder mit dem Klienten) akzeptiert. Hier scheint mir der Kern der Toleranzdiskussion zu liegen: Wenn ich meine Weltsicht (bzw. meine Art, mit Schwierigkeiten umzugehen) als eine Möglich-keit (und nicht als die einzig richtige Wahrheit) verstehe, bleibe ich potenziell neugierig auf die Möglichkeiten der anderen. Wer sich hinsichtlich seiner Weltsicht (oder hinsichtlich seiner therapeutischen Vorgehensweise) im Besitz der Wahrheit wähnt, wird folgerichtig weniger Spielraum haben als derjenige, der sich seines subjektiven (und damit begrenzten) Horizonts bewusst bleibt. Oder mit einer Metapher gesagt: "Wer nur eine Sprache spricht, wird nicht überall verstanden." Psychische Fitness heißt, auf vielerlei Anforderungen des Lebens angemessen reagieren zu können. Eine tolerante, Fremdes prinzipiell zulassende Haltung ermöglicht mir das Kennenlernen einer immer größeren Auswahl an Sichtweisen und damit an Lebensmöglichkeiten. Trotzdem werde ich auswählen, was ich davon übernehmen möchte und was nicht. Wertschätzung kann dann etwa heißen: den Wert einer Möglichkeit für den anderen (z.B. für meinen Klienten oder Nachbarn) angemessen zu würdigen.
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