Artikel aus Nr. 11, Juli 2004, Autor: Michael Antrack

 

"Die Klagen, mit denen Patienten zum Therapeuten kommen, sind wie Türschlösser, hinter denen ein befriedigendes Leben wartet. Die Klienten haben alles versucht, aber die Tür ist noch verschlossen. Häufig versuchen sie nun herauszufinden, warum das Türschloß so und nicht anders beschaffen ist. Aber zu Lösungen kommt man mit Hilfe eines Schlüssels und nicht mit Hilfe eines Schlosses."

(Steve de Shazer)

 

Vom passenden Schlüssel, der plötzlich noch ganz andere Türen aufschließt:

Mittwochmittag. Ich sitze in meiner Praxis und beschäftige mich gerade mit der eingegangenen Post, als das Telefon klingelt. Ein Klient meldet sich. Er möchte nur mal kurz anrufen und mir sagen dass es ihm schon viel besser geht.

Rückblende:

Ein Tag zuvor. Ich finde morgens auf dem Anrufbeantworter meiner Praxis zwei Nachrichten. Die erste stammt vom Vorabend kurz vor Mitternacht. Darin bittet Herr W. um einen Rückruf. Er klingt aufgelöst und verwirrt, möchte möglichst schnell einen Termin weil es ihm nicht gut geht. Die zweite Nachricht stammt ebenfalls von ihm. Ein paar Minuten bevor ich an diesem Tag die Praxis betrat hat er mir darin die Telefonnummer hinterlassen, unter der ich ihn den ganzen Tag erreichen kann.

Ich kenne Herrn W. bereits. Er war bereits dreimal bei mir - vorrangig um Grundlagen einer Entspannungstechnik zu lernen - wir sprachen allerdings auch schon über seine Lebenssituation und den Stress unter dem er in seinem Betrieb steht. Sein letzter Termin war vor zwei Monaten.

Bei meinem Rückruf klingt er am Telefon niedergeschlagen und demotiviert. Wir verabreden einen Termin für den gleichen Tag in den Abendstunden. Als er abends meine Praxis betritt, macht er einen übernächtigten Eindruck. Er kommt einfach nicht klar: Ständig plagen ihn Gedanken die er nicht abstellen kann. Interessanterweise schreibt er diese auf. Ei-ne Strategie, die wir gemeinsam entwickelten um dem o. g. Stress zu begegnen indem er durch das Eintragen in einen Kalender "Ordnung" herstellt.

Welche Gedanken plagen ihn? Er hat Angst seine Freundin zu verlieren, dass sie ihn nicht mehr liebt, dass er sie nicht richtig liebt, dass er sie zu sehr einengt, dass er zuviel gibt, dass er Anforderungen nicht gewachsen ist etc.

Er weiß auch, dass dies alles Unsinn ist und das er in der Beziehung glücklich ist, aber diese Gedanken plagen ihn so sehr, dass er sich schon mal wünschte nicht mehr da zu sein, damit er das Problem nicht mehr hätte. Er schränkt jedoch sofort ein, dass er diesen speziellen Gedanken direkt als Quatsch verworfen hat.

Ich hake nach: Was war der Grund ihn zu verwerfen? Er zählt eine ganze Reihe auf. Angefangen von seiner Familie, seinen Hobbys (u. a. ein Instrument) über seine Ausbildung, zu seiner Freundin. In diesem Moment wird ihm bewusst, dass er seine Freundin - die Beziehung in die er so viel investiert und mit der er sich ständig beschäftigt - an vierter Stelle nennt. Ich bestätige ihm, dass mir das auch aufgefallen ist. Wir sprechen darüber, was er die letzten Wochen so gemacht hat. Er verbringt jede freie Minute mit seiner Partnerin. Was hat er dabei vernachlässigt? Er treibt kein Sport mehr, spielt kein Instrument mehr, trifft sich nicht mehr mit der Band in der er spielt. Wir finden raus, dass es ihm wesentlich besser ging, als er das alles noch tat. Das wird ihm jetzt wieder bewusst. Vielleicht würde es sich lohnen in einem kleinen Taschenkalender für diese Dinge Zeit zu reservieren? Das findet er gut. Er hatte schon mal damit angefangen einen Kalender zu nutzen und das dann wieder vernachlässigt.

Um den Gedankenkreis seiner Ängste zu durchbrechen entwickeln wir gemeinsam noch eine "Stopp-Strategie": Ein lautes Fingerschnippen mit einem klaren "Stopp!" (gedacht oder laut gesagt, je nach Situation)

gefolgt von der Aussage "Es ist alles in Ordnung. Wir sind glücklich." verbunden mit einem Bild von ihm und seiner Partnerin, dass sie beide während eines gemeinsamen Spaziergangs zeigt und er jederzeit gut imaginieren kann. Diese Vorgehensweise üben wir ein paar mal gemeinsam, bevor Herr W. sich wieder auf den Weg macht.

Und jetzt, gute 18 Stunden später habe ich ihn am Telefon. Er klingt zuversichtlicher. Ich höre den Willen zur Veränderung. Ob die "Stopp-Strategie" funktioniert hat, frage ich ihn. Ja, bestätigt er. Er müsse es zwar ein paar mal hintereinander machen, aber es klappe ganz gut. Was ihm viel wichtiger ist und er sofort anspricht: Er hat gemerkt, dass er in der letzten Zeit seine Ziele, die er sich vorgenommen hatte ganz aus den Augen verloren hatte: Fachabitur nach der Ausbildung, seine musikalische Entwicklung.... Er beschäftigt sich jetzt wieder mit diesen Dingen und merkt, dass ihm das gefehlt hat und gut tut. Ich gebe ihm zu verstehen, dass auch mich das sehr freut und ermutige ihn. Gleichzeitig sage ich ihm, dass er auch einen kleinen "Rückfall" haben kann, der ihn aber nicht entmutigen braucht. Im Gegenteil. Sehr oft gehe es drei Schritte vor und zwei zurück. Das versteht er. Ihm ist klar, dass sich nicht schlagartig alles ändern kann, er aber auf dem richtigen Weg ist.

Er verabschiedet sich mit dem Hinweis, dass er sich bald wieder melden wird und ich sitze in meiner Praxis, lehne mich zurück und denke nach: Zunächst einmal habe ich mich sehr gefreut, dass Herr W. mir telefonisch ein Feedback zu unserem Termin gibt. Das empfand ich als sehr angenehm, was ich am Telefon auch habe durchblicken lassen. Leider (oder zum Glück?) machen das nicht alle Klienten.....

Was war nun in und nach dem Termin passiert? Zunächst einmal habe ich Herrn W. aus psychopraphischer Sicht bisher als Mensch mit Bevorzugung im Beziehungsbereich kennengelernt. Zudem schätze ich ihn als "Denker" ein. Die Situation in der er mich aufsucht "passt": Er gerät in einen Gedankenkreis bezüglich seiner Partnerin (Beziehung), vorzugsweise, jedoch nicht ausnahmslos wenn er von ihr räumlich getrennt ist. Seine Konzentration auf die Lebensgefährtin lässt eine "Du-Bezogenheit" vermuten. Dies bestätigt sich bei der Entwicklung der "Stopp-Strategie", wo er beim Üben des Satzes "Wir sind glücklich." oft "Du bist glücklich." sagt. Im Gespräch wird diese Bevorzugung auch deutlich, als wir erkennen das Herr W. die eigenen Bedürfnisse in der letzten Zeit immer hinten angestellt hat.

Als "Denker" hat er aus unserem ersten Gespräch die Lösung "Aufschreiben" mitgenommen und wendet diese auch in der jetzigen Situation an. Anzumerken ist hier, dass Herr W. die Gedanken aufschrieb und anschließend intuitiv verbrannte. Eine Technik die schon Steve de Shazer erwähnte, Herrn W. allerdings nicht als solche bekannt war. Das Aufschreiben und Verbrennen entlastet ihn zwar kurzfristig, hilft ihm allerdings in der Situation nicht richtig weiter. Es ist nicht die Lösung. Aber es ist ein Schlüssel und somit ein Lösungsansatz.

Eine Ressource des Beziehungstyps ist der bewusste Umgang mit Zeit. Herr W. hält die Idee sich seine Freizeitaktivitäten im Kalender zu reservieren (aufzuschreiben) spontan für sehr gut. Er bemerkt wie ihm diese Aktivitäten außerhalb seiner Beziehung gefehlt haben und beschließt sich dafür wieder Zeit zu nehmen. Als er aus dem Gespräch rausgeht nimmt er einen Lösungsschlüssel mit und hat durch das Gespräch selbst eine Entlastung erfahren. Die eigentliche Arbeit findet jedoch nach dem Termin statt. Herr W. erkennt, dass er seine eigene Person vernachlässigt hat. Er findet zum "Ich" zurück, nachdem er sich die ganze Zeit mit dem "Du" beschäftigt hat. Ihm werden wieder seine eigenen Ziele, Wünsche und Träume bewusst. Er beginnt einen Teil seiner Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu widmen - die eigentliche Lösung des Problems. Das tut ihm so gut, dass er diese Erfahrung mit mir teilen möchte und mich deshalb anruft.

Der Lösungsschlüssel, den wir ge-meinsam fanden passte. Aber er schloss gleich mehrere Türen hintereinander auf. Ein Glücksfall? Oder Alltag? Mir wurde erst im Nachhinein richtig bewusst, dass wir in unserem Gespräch dem eigentlichen Problem nicht genau auf den Grund gingen. Das die wichtige Tür noch nicht deutlich genug sichtbar war. Eine Bemerkung lenkte mich ab: Bei aller Theatralik der Sprache des Beziehungstyps war mir doch die Abklärung eines möglichen Suizidrisikos wichtiger.

Was wir jedoch gemeinsam erarbeiteten, war der von mir oft beschworene "Schritt zurück" um ein größeres Blickfeld zu erhalten - mehr zu sehen, als das Problem. Diesen Schritt vollendete der Klient ganz ohne mich. Und mit dem Blick, der sich ihm dann bot erkannte er was er die letzte Zeit außer Acht gelassen hatte. So gesehen also kein Glücksfall, denn das ist eine der Zielsetzungen meiner Arbeit. Und doch war ich von dem direkten Weg, den der Klient fand und der Geschwindigkeit mit der dies ablief überrascht.

 

Michael Antrack ist Dipl.-Sozialarbeiter (FH), Psychologischer Berater, zertifizierter Dozent für Psychographie und zertifizierter Typberater (PGI).

 

 

 

Copyright: Winkler-Verlag, 7/2004, Alle Rechte vorbehalten