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Von der Ökumene zur Toleranz - noch ein weiter Weg Es war wohl ein Menetekel, dass auf dem zurückliegenden ersten ökumenischen Kirchentag gerade das Oberhaupt einer nichtchristlichen Religion, der Dalai Lama, einen so großen Zulauf fand. Denn dass die verschiedenen christlichen Kirchen in unserem Land 500 Jahre Religionskriege und gegenseitige Intoleranz hinter sich bringen mussten, um diesen selbstverständlichen Schritt zu tun, lässt keine große Hoffnung aufkommen, dass sie zu einer wirklichen Toleranz fähig sind. Was zwischen den Kirchen nun gelingen soll, was zwischen den christlichen oder den jüdischen oder manchmal gar moslemischen Gläubigen möglich ist, gilt kaum für Abweichler innerhalb den eigenen Reihen (Bsp. Drewermann, Küng, Rushdie) geschweige denn für Menschen, die ohne eine spezielle religiöse Bindung leben wollen. Woher diese Intoleranz? Liegt sie nicht in den Grundlagen fast aller Religionen, die behaupten, 'die Wahrheit' auf ihrer Seite zu haben? Wir lächeln vielleicht, wenn wir einen überzeugten Anhänger der 'Zeugen Jehovas' mit seinen Drucksachen in der Einkaufspassage stehen sehen - dass jedoch die gleiche Wahrheitsgläubigkeit auch in den großen Kirchen und selbstverständlich in den Reihen der meisten Moslems oder Juden zu den Grundwahrheiten gehört, wird leicht übersehen. Sie alle wähnen sich im Besitz einer absoluten Wahrheit, halten ihre überlieferten Schriften für heilig oder göttlichen (und so-mit unanfechtbaren) Ursprungs und deren Autoren und Ausleger für weitgehend unangreifbar. Welche Auswirkungen dies für die Mündigkeit und seelische Gesundheit des ein zelnen Gläubigen haben kann, erkennt man spätestens dann, wenn jemand 'seinen Glauben verliert' - er z.B. durch Schicksalsschläge oder Krankheiten aus der Bahn geworfen wird und scheinbar von seinem Gott gestraft bzw. vergessen scheint. Jede Einengung des Horizonts und der möglichen Sichtweisen auf die Welt kann im Krisenfall schlimme Folgen haben. Das gilt für Gläubige wie Nicht-Gläubige gleichermaßen. So wie der eine sich vielleicht immer rigoroser an seine heiligen Schriften und die darin empfohlenen Rezepte klammert schließt der andere womöglich den Versuch einer mystischen, kindlich-vertrauenden oder ehrfurchstvoll-gläubigen Sichtweise kategorisch aus Religiöse oder mystische Weltsichten können in existenziellen Fragen sehr nützlich sein und uns als Menschen unserer begrenzten Möglichkeiten bewusst werden lassen - sie jedoch als einzigen Maßstab zu verwenden ist, als ob man einen Garten nur entlang des Grenzzauns bewirtschaften würde. Und wer sich nur einer religiösen Wahrheit verschreibt gleicht wohl einem, der sich selbst an einen einzelnen Grenzpfosten dieses Gartens ankettet. Welche Toleranz ist nötig, um in einer Gesellschaft friedlich miteinander zu leben, die nicht mehr nur eine oder zwei Religionen kennt? Es braucht wohl, was schon Lessing in seiner Metapher von den drei Ringen forderte: Respekt vor dem Andersdenkenden aus Einsicht in die eigene Begrenztheit - und das Wissen um die Unmöglichkeit absoluter Erkenntnis. Wenn jeder nur einen Mosaikstein sein eigen nennen kann - auch wenn dieser noch so wertvoll, alt oder verbreitet sein mag - darf niemand für sich in Anspruch nehmen, das ganze Bild zu repräsentieren. Eine solche fundamentale Toleranz hat zur Folge, dass Neugier und Offenheit an die Stelle von Rechthaberei treten können. Gleichzeitig würde aber die Wertschätzung gegenüber der eigenen Kultur und ihren Resourcen steigen, wenn man nicht alle Teile davon pauschal verdammt - so können einzelne Texte der Bibel etwa meinen geistigen Horizont durchaus erweitern und meine Menschlichkeit anregen. Deshalb muss ich dann aber nicht 'das komplette Paket kaufen' und Mitglied einer 'bibelgläubigen' Gemeinschaft werden. Dann braucht es auch keine Ökumene zwischen den Kirchen mehr, weil es keinen Unterschied mehr macht, auf welche Art ein Einzelner sich dem Phänomen "Leben" nähert - jeder ist mit seiner Meinung und Erfahrung dann wertvoll, solan ge er das friedliche Zusammenleben aller nicht gefährdet. Solange aber Intoleranz (etwa in Form von Fantasien des Jüngsten Gerichts oder der Verbrennung der Un-gläubigen im Höllenfeuer) in den Schriften einer Glaubensgemeinschaft zu finden ist, kann keine Entwarnung gegeben werden - zu groß ist die Gefahr, dass eine neue Generation von Gläubigen sich fanatisiert und zur Sicherung der eigenen Identität zum Progrom an Andersgläubigen aufruft, sobald sie politische Macht errungen hat. Dass hiervor selbst Staatsoberhäupter im Westen nicht immun scheinen, haben einige Reden des amerikanischen Präsidenten in letzter Zeit gezeigt. Stattdessen braucht es eine 'Toleranzformel', das Eingeständnis der Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit, die den eigenen Überlieferungen zur Seite gestellt wird und sie damit relativiert. Das wäre dann eine tatsächliche Ökumene, die alle Menschen einschließt und nicht nur eine heimliche Rückkehr ins Mittelalter mit einer einzigen - katholischen - Kirche unter modern klingenden Kompromissformeln, die in der Praxis kaum Verände-rungen bedeuten. Was das alles mit Gesundheit und Psychologie zu tun hat? Je enger das Blickfeld eines Menschen, desto krisenanfälliger ist er - je offener und neugieriger er aber bleibt, desto größer die Chance, neue Lösungsansätze in Betracht zu ziehen - auch wenn diese aus dem Erfahrungsschatz einer fremden Kultur oder Weltanschau-ung stammen.
Werner Winkler, Fellbach, Juni 2003 Copyright: Winkler-Verlag, 7/2004, Alle Rechte vorbehalten |