Artikel aus Nr. 9, November 2003, Autor: Werner Winkler

 

Lösungsorientierte (Gesundheits-)Politik

Utopie oder Hoffnung in Zeiten politischer Einfallslosigkeit, sturem Festhalten an problemerzeugenden Strukturen und gegenseitiger Blockade?

 

Als vor einigen Jahren Heiner Geißler forderte, die Politik müsse lösungsorientierter werden, wurde das kaum wahrgenommen. Was hieße das denn, "lösungsorientierte Politik"? Nehmen wir nur ein Beispiel: Die Gesundheitspolitik, bei der uns nun die parteiübergreifende Ausnahme-Zusammenarbeit von Horst Seehofer (CSU) und Ulla Schmidt (SPD) - vermutlich beides Beziehungstypen - wieder einmal Änderungen beschert, die als "radikal" und "zukunftsweisend" bezeichnet werden.

Eine lösungsorientierte Gesundheitspolitik hieße z.B., zunächst anhand der aktuellen Situation das vordringliche Problem (vermutlich die Unausgeglichenheit von Einnahmen und Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung) zuzugeben, dann ein (klar definiertes und realistisches) Ziel zu formulieren und letztendlich gemeinsam daran zu arbeiten, dieses Ziel zu erreichen. Sicher wäre es kein Fehler, sich einmal diejenigen (privaten) Krankenkassen anzusehen, die hierzulande oder im Ausland dieses Ziel bereits erreichen. Das Rad muss ja nicht neu erfunden werden.

Es gibt durchaus Beispiele dafür, dass ein solidarisches Miteinander in der Ab-sicherung gesundheitlicher Risiken in bezahlbarer Weise möglich ist.

Oder man könnte in anderen Versicherungssparten einmal nachsehen, was denn dort richtig gemacht wird und auf die Krankenversicherung übertragen werden kann, z.B. eine Rückvergütung von Beiträgen bei Schadensfreiheit (wie bei privaten Krankenkassen teilweise üblich). Oder eine Eigenbeteiligung für bestimmte Leistungen, bei denen der Verdacht besteht, dass weniger die medizinische Bedürftigkeit als vielmehr der soziale Kontakt (Stichwort: "Gesprächstherapie beim Arzt") die Triebfeder darstellt. Wenn solch ein "Besuch" z.B. 10 Euro kosten würde (bei gleichzeitig gesenkten Beiträgen), käme womöglich mancher auf die Idee, diesen Betrag lieber in einen Café- statt in einen Arzt-oder Therapeutenbesuch zu investieren, um mit jemandem zu reden.

Oder: Weshalb erhalten Patienten von Ihrem Arzt keine in verständlicher Sprache verfasste Rechnung, auf der sie die er-brachten Leistungen inklusive der jeweiligen Beträge ersehen können? Den meisten Versicherten ist nicht bewusst, welche Kosten sie durch die Nutzung der ärztlichen (oder psychotherapeutischen) Angebote erzeugen. Alleine eine solche Maßnahme würde ein Umdenken durch Kostenbewusstsein hervorrufen.

Noch zwei Beispiele für Lösungsansätze (die selbstverständlich in kleineren Probeläufen auf ihre Tauglichkeit überprüft werden müssten): Um die Eigenverant-wortung der Versicherten zu stärken, könnten neben den bewährten Vorsorgeun-tersuchungen Gesundheitskurse mit Ab-schluss-Zertifikaten angeboten werden, die dann z.B. zu einem Nachlass bei den Beiträgen des Absolventen führen würden. Denn häufig verursachen doch relativ leicht zu vermeidende Krankheiten enorme Kosten.

Die zweite Idee: Weshalb nicht einmal einen Versuch starten, es den Chinesen nachzumachen. In Peking, so die Auskunft einer chinesischen Bekannten, wurden in den 1990er-Jahren Ärzte nach Bezirken mit einem Festbetrag honoriert, unabhängig davon, wieviele Patienten sie behandelten. Dies spart nicht nur den enormen Aufwand für die Einzelabrechnung ein, sondern führt dazu, dass gute Ärzte (die ihre Patienten effektiv behandeln) zwar nicht mehr verdienen, dafür aber "nachmittags im Garten sitzen und lesen", so die Beobachtung. Ein uneffektiv arbeitender Kollege dagegen wird regelmäßig Überstunden machen müssen, um seine Patienten zufrieden zu stellen (denn schafft er das nicht, droht ihm eine Versetzung bzw. der Lizenzentzug). Diese Methode führt automatisch dazu, dass die wirklich hilfreichen Methoden die Oberhand gewinnen und nicht dem erfolgreichen Arzt (wie hierzulande) der Konkurs droht, wenn er es schafft, seine Patienten ge-sund zu therapieren. Wie dichtete Eugen Roth leicht überzogen:

"Was bringt den Doktor um sein Brot?

a) die Gesundheit, b) der Tod.

Drum hält der Arzt, auf daß er lebe,

Uns zwischen beiden in der Schwebe."

Ob sich die Politik tatsächlich in absehbarer Zeit und unter dem Druck der Situation zu solch kreativen Änderungen bereit zeigt, muss bezweifelt werden - unabhängig davon kann doch jeder für sich damit anfangen, die Gesundheitsverantwortung so weit wie möglich selbst in die Hand zu nehmen. Nicht nur der Kosten wegen, versteht sich.

 

Copyright: Winkler-Verlag, 11/2003, Alle Rechte vorbehalten

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