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13. Februar 2006, Autor: Werner Winkler
Wie lösungsorientiert
kann/muss Psychographie sein? "Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln ..." (Dostojewski)
Die lösungsorientierte Vorgehensweise nach Paul Watzlawick und Steve de Shazer hat inzwischen einen festen Platz in der psychographischen Theorie und Praxis. Nun ist neben der Verwendung von "Universalschlüsseln", die Klienten zu Fortschritten in Richtung ihres Ziels leiten, der Konstruktivismus eine elementare Basis dieser Methodik und kann daher nicht außen vor bleiben - die Begriffe "lösungsorientiert" und "konstruktivistisch" können genau genommen hier fast synonym verwendet werden. Dietmar Friedmann und die Ontologie Auf die Geschichte der Psychographie (und damit der Typbestimmung) bezogen darf nicht vergessen werden, dass Dietmar Friedmann - nach seiner eigenen Aussage - 1990 bei Veröffentlichung seines ersten Buches die lösungsorientierte Psychologie noch nicht kannte. Er verfolgte damals (für einen Philosophen durchaus verständlich) einen "ontologischen" Ansatz, was soviel bedeutet wie: "Ich sehe, was (für ein Typ) da ist." Dies tat er, obwohl er an anderer Stelle selbst die konstruktivistische Sichtweise lehrte, sie jedoch nicht für seine typologischen Studien gebrauchte. Für manche seiner Leser oder Zuhörer war und ist diese Entscheidung schwer nachzuvollziehen. Konsequenzen ontologischer und konstruktivistischer Betrachtung Eine ontologische Betrachtung der Typen setzt natürlich die Annahme voraus, sie seien 'wirklich' existent (so wie Bäume existent sind). In der Unterscheidung von Karl Popper also zu "Welt 1" gehörend (Materie versus subjektive Eindrücke oder kultureller Übereinkünfte). Nimmt man hingegen den konstruktivistischen Aspekt von Selbstbildern (und dazu dürften Zuordnungen zu unterschiedlichen Typenbildern gehören) ernst, ist klar, dass Menschen ihre jeweils eigene Welt und Wirklichkeit 'konstruieren' und diese dann als 'wahr' wahrnehmen (daher auch das Wort). In der Konsequenz (für die Psychographie) heißt das, dass ich nicht mit Sicherheit "sehen" kann, zu welchem Typ oder Untertyp mein Gegenüber gehört. Er selbst (der Analysant) jedoch auch nicht! Da also (wiederum nach Poppers Dreiteilung der Wirklichkeit) die Typen weder zur Welt der Materie noch zur Welt der subjektiven Eindrücke gehören, bleibt nur die Einordnung in die Welt der kulturellen Übereinkünfte (Welt 3) übrig - so entstand mein Konzept einer "konsensuellen Typerkennung". Im Gegensatz zum ontologischen, wahrnehmenden Psychographen, der "sieht" oder "erkennt", was der andere für ein Typ ist weiß der konstruktivistische Psychograph nur etwas a) über die Typen
selbst Er muss darüber hinaus in Austausch mit dem 'Objekt' seiner Analyse treten und mit ihm in einem längeren Prozess einen Konsens herstellen. Dies schließt selbstverständlich nicht aus, dass ich für mich selbst als Typanalytiker einen "Typverdacht" formuliere oder mich in einer alltäglichen Kommunikationssituation "typgerecht" auf Verdacht verhalte. Die konstruktivistisch-lösungsorientierte Vergehensweise verlang aber ab dem Punkt Respekt und Aufwand, wo es darum geht, den Typ eines Menschen 'sicher' festzustellen. Solange wir keine objektiv messbaren Typmerkmale kennen (deren künftige Entdeckung nicht auszuschließen ist), kann jede einseitige 'Sicherheit' eine Art 'Übergriff' sein. Wir geben sonst Sicherheit vor, wo keine entstehen kann. Wie lösungsorientiert (im konstruktivistischen Sinne) muss also die Psychographie sein? 1. Wir müssen berücksichtigen, dass die Typerkennung letztlich nur im "konsensuellen Prozess" weitestmögliche Sicherheit bieten kann. 2. Wir müssen dem Klienten die Möglichkeit geben, sich anhand relevanter Informationen selbst als einen Typ zu erkennen. 3. Wir müssen bereit sein, an unserem Typverdacht zu zweifeln und die Alternativen ebenso in Betracht zu ziehen. 4. Wir müssen bereit sein, am Typverdacht des Klienten zu zweifeln und mit ihm zu 'verhandeln', solange kein Konsens entstanden ist. 5. Wir müssen bereit sein, unserem Gegenüber sämtliche Informationen zur Verfügung zu stellen, damit er unseren Typverdacht nachvollziehen kann. 'Lösungsorientiert' bedeutet also vor allem: Dem zu Typisierenden ebenso viel Kompetenz zuzutrauen wie uns selbst als Typanalytiker. Wir haben zwar - unter Umständen sehr viele - Kenntnisse über die Typunterschiede. Aber der Analysant kennt sich selbst am Besten. Wenn unser Klient also seinen Typ nicht gleich erkennt oder unserem Typverdacht nicht folgt, hben wir ihm vielleicht nicht die passenden Informationen gegeben. Oder wir haben uns in unserem Typverdacht getäuscht. Möglicherweise haben wir auch die Rolle der Ressourcen und deren verstärkte Beachtung in der Selbstwahrnehmung vergessen. Mehr Zutrauen in die Selbsterkenntnisfähigkeit des Klienten wagen! Indem wir dem Klienten mehr zutrauen, ihm Verantwortung überlassen, bauen wir eigenen Stress ab - daher die lockere und fast spielerische Grundhaltung lösungsorientierter Berater und Therapeuten. Indem wir die Grenzen der Psychographie und psychographischen Erkennens akzeptieren, akzeptieren wir die Realität der konstruktiven Natur von Selbstbildern (dieser Satz könnte auch andersherum geschrieben werden). Dies führt zwar zu weniger 'Macht', aber zu mehr eigener Einsicht beim Analysanten und zu mehr Spaß und Lockerheit beim Analytiker. Psychographische Typanalyse heißt also nicht, zu sehen, "was wirklich da ist", sondern zu versuchen, eine gemeinsame Realität zwischen mir und dem Klienten zu erzeugen. Man könnte auch sagen: Eine gemeinsame Landkarte zu zeichnen, die mir und ihm neue Einsichten vermittelt. Die Psychographie selbst wäre dann nicht die Landkarte selbst, sondern eine Art "Koordinatensystem", das ich mit dem Klienten über seine eigene Wirklichkeit lege und anhand dessen er seine Bevorzugungen und Vernachlässigungen (also seinen Typ) selbst erkennen kann. Praktische Tipps für die Typanalyse Einige Fragetechniken können mehr als andere dazu helfen, solche "lösungsorientierten" Typanalysegespräche in Gang zu bringen: 1. Wir vermeiden anfangs Fragen, bei denen der Klient nur mit "Ja" oder "Nein" antworten kann (wie in vielen Fragebögen anderer Typologien üblich):, z.B. "Schlafen Sie gewöhnlich rasch ein?". Dies gilt nicht mehr, wenn wir bereits einem Typverdacht nachgehen. 2. Wir bevorzugen Fragen, bei denen wir alle drei denkbaren Alternativen gleichwertig anbieten, z.B. "Sind Sie eher ein Ja-, Nein- oder Vielleicht-Typ?" 3. Oder wir stellen gleich ganz offene Fragen und forschen in den 'freien' Antworten nach etwas besonders Typischem, z.B. "Wie sieht Ihre erste Erinnerung an Ihre Kindheit aus?" Dieses Erkennen von typischen Mustern erfordert natürlich viel Erfahrung und Vorkenntnisse. Die Psychographie schützt sich aber so - noch - selbst vor Dilletanten ...
Dieser Vortrag wurde anlässlich einer Fortbildung der Psychographie-Initiative e.V. am 11.2.2006 in Stuttgart gehalten. Korrespondenzadresse: wewinkler@t-online.de
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