Artikel aus Nr. 8, Juli 2003, Autor: Werner Winkler

 

Neue Hypothese zur Entstehung der psychographischen Typunterschiede

"Wie oft habe ich Ihnen gesagt, dass das, was bleibt, wenn Sie das Unmögliche ausscheiden, so unwahrscheinlich es auch sein mag, die Wahrheit sein muss." (Sherlock Holmes)

"Hypothesen sind Netze, nur der wird fangen, der auswirft." (Novalis)

 

Rückblick

Nachdem in den letzten Jahren verschiedene Hypothesen zur Entstehung der psychographischen Typunterschiede vorgestellt, überprüft und wieder verworfen wurden, möchte ich an dieser Stelle einen bisher unbedachten Faktor ins Gespräch bringen, der für die Ausdifferenzierung der verschiedenen Typen ausschlaggebend sein könnte.

Zur Erinnerung: Als letzten Stand der Diskussion waren verschiedene Psychographen zur Überzeugung gelangt, dass alle Optionen (hinsichtlich der Grundtypen und der Untertypen) im genetischen Möglichkeitsspektrum angelegt seien - dass also der "Genotyp" (die genetische Grundausstattung) nicht ursächlich für die Typbildung verantwortlich zeichnet, sondern sich erst im "Phänotyp" (im tatsächlich sich zeigenden Individuum) die Typunterschiede bemerkbar machen.

Gäbe es genetische Unterschiede zwischen den Typen, müssten sich diese in irgend einer Form weitervererben - bisher tauchte jedoch keine erkennbare 'Vererbungsregel' auf, die Typbildung scheint jedoch zwischen den jeweils drei Optionen relativ gleichmäßig stattzufinden, was eher auf einen Zufallsfaktor hinweist.

Dass die Mütter (bzw. Eltern) alleine durch Unterschiede in der Erziehung solch weitreichende Typverschiedenheiten auslösen können, wird ebenfalls von den meisten, die sich mit dem Thema beschäftigen, für undenkbar gehalten (in der Anfangszeit der Psychographie gab es solche Meinungen).

 

Typbildung durch die mütterliche Eizelle?

Die These einer Vererbung über die mitochondriale DNA, die zwischenzeitlich ins Gespräch gebracht wurde, ließ sich nicht erhärten. Zwar wäre dies eine Erklärung für die Beobachtung, dass Mütter mit drei Kin-dern mit einer statistisch erhöhten Wahrscheinlichkeit drei typverschiedene Kinder zur Welt bringen - jedoch müssten bei einer ausschlaggebenden Rolle der Mitochondrien für die Typbildung alle Geschwister vom gleichen Typ sein, da sich deren mitochondriale DNA untereinander und ge-genüber der Mutter gleichen. Das war zu Beginn der Diskussion nicht bekannt. Andere typprägende Unterschiede in der mütterlichen Eizelle scheinen nicht zu existieren.

Die Anschlussfrage war nun natürlich: Durch welche/n Einflussfaktor/en geschieht diese Ausdifferenzierung (und gleichzeitig die z.T. auffällige optische Ähnlichkeit der 'psychographischen Zwillinge)'? In der Pflanzenbiologie ist z.B. das Phänomen dieser "variablen Modifikabilität" bei der Chinesischen Primel bekannt: Je nach Aufzuchttemperatur bildet diese rote oder weiße Blüten aus, obwohl die genetische Grundlage identisch ist.

Weitgehende Einigkeit herrschte schön länger über die Beobachtung, dass Kinder bereits mit Merkmalen eines Typs geboren werden. Mütter mit typverschiedenen Kindern berichten öfters von typischen Unterschieden im Verhalten während der Schwangerschaft (und im Geburtsverhalten) der Kinder.

Über diesen, sich später zur Nabelschnur auswachsenden Kontaktpunkt werden Blut und Nährstoffe transportiert, was für die weitere Entwicklung von existenzieller Bedeutung ist.

Ein Zitat aus Linder: Biologie: "Nach acht Wochen hat der Embryo eine Scheitel-Steiß-Länge von etwa 3cm. Während der Aus-gestaltung reagieren die Organanlagen sehr empfindlich auf schädliche Einflüsse von außen wie z.B. Sauerstoffmangel, chemische Stoffe, Strahlen sowie Viren und Bakteriengifte. Solche Einflüsse führen oft zu bleibenden Organschäden, Missbildungen oder Fehlgeburten." (S. 277)

 

Die Annahme lautet nun auf dem besprochenen Hintergrund: Die räumliche Lage des Embryos gegenüber der Mutter (in Form der nährstoffspendenden Schleimhautwand) hat durch die Einwirkung der vorherrschenden Schwerkraft-Richtung einen (wenn auch u.U. nur geringen) Einfluss auf die Frühentwicklung. Drei Möglichkeiten scheinen hier unterscheidbar:

 

1. Möglichkeit: Der Embryo liegt 'unter' der Schleimhautwand.

Das würde bedeuten, dass die Zufuhr von Nährstoffen von der Schwerkraft unterstützt wird und der Embryo den Eindruck bekäme, stets gut und mühelos versorgt zu werden. Dies könnte eine positive Grunderfahrung der Beziehung zur Mutter (und damit zur Welt an sich) bewirken. Hier scheint es sich um ein Muster zu handeln, das im Ergebnis den Beziehungstyp ausbildet.

 

2. Möglichkeit: Der Embryo liegt 'über' der Schleimhautwand.

Die Nährstoffversorgung würde hier entgegen der Schwerkraft vonstatten gehen, wäre also mit permanenter Arbeit und Anstren-gung verbunden. Der Kontakt zur versorgenden Mutter zeigt sich hier bei weitem nicht so positiv, dagegen muss das schon vorhandene Herz mehr Arbeit leisten.

Der entscheidende Zeitraum engt sich ein

Das hieße also, dass als Zeitraum für die "entscheidende Weichenstellung" nur die Phase zwischen der Befruchtung und der Geburt in Frage käme - und hier wiederum bevorzugt die ersten Wochen der Ausbildung des Embryos.

Die neue Hypothese: Einfluss der Schwerkraft auf die Nährstoffzufuhr

Nachdem sich der Embryo sechs Tage nach seiner Befruchtung in der Gebärmutterschleimhaut eingenistet hat, fängt er an, sich zu differenzieren und einen Kontakt (ähnlich wie Wurzeln) zur Mutter herzustellen.

Dieses Muster deckt sich relativ gut mit dem Erleben des Handlungstyps.

 

3. Möglichkeit: Der Embryo liegt 'seitlich/horizontal' zur Schleimhautwand

In dieser Lage wirkt sich die Schwerkraft nur zeitweise, eher zufällig, auf die Nährstoffzufuhr aus - jede kleinste Bewegung des Embryos kann sich positiv oder negativ auswirken. Die zeitliche Komponente, das Abwarten, geduldig sein etc. erhält schon früh eine lebenswichtige Bedeutung. Für Psychographen zeigt sich in dieser Situation offensichtlich der Sachtyp.

Auch die Ausprägung der Untertypen ließe sich durch den Einfluss der Schwerkraft möglicherweise nachvollziehen: Je nachdem, welche Organgruppe oder welche Teile des Nervensystems bei ihrer Bildung von der Schwerkraft bevorzugt werden, geschieht eine mehr oder weniger starke Einseitigkeit in der Entwicklung, wie wir sie bekanntlich noch im Erwachsenenalter beobachten.

Eine Dreiteilung in der Ausdifferenzierung ist im Übrigen durchaus bekannt - etwa im Großhirn, wo Biologen eine motorische Region (Bewegung), eine sensorische Region (Sinnesorgane) und eine Asso-ziationsregion (Verknüpfungen) unterscheiden. Oder im "basalen Bereich" des Gehirns: Dort gibt es "Basalganglien", welche für die Körperbewegung zuständig sind, den "Hypocampus" (Gedächtnisspeicherung) und den "Mandelkern" (Gefühle, Nervensystem).

Ich möchte diese Hypothese bewusst in einer frühen Phase des Nachdenkens zur Diskussion stellen und bin dankbar für jede kritische und vor allem von fachlicher Seite kommentierende Reaktion. Je mehr Möglichkeiten wir hinsichtlich der Typentstehung ausschließen können, desto wahrscheinlicher wird, dass wir auf einen tatsächlichen Grund (falls vorhanden) stoßen.

 

 

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