|
Artikel aus Nr. 7, März 2003, Autorin: Marion Thaiss Ein Handlungstyp-Kind und seine erste Begegnung mit der Polizei ...
erzählt von Marion Thaiss, Erzieherin und psychologische Erziehungsberaterin Hanna war schon seit einem Jahr im Kindergarten hatte sich aber immer noch nicht so richtig damit angefreundet. Sie fand meist nichts zum Spielen und suchte auch keinen Kontakt zu anderen Kindern, um bei ihnen mitzuspielen. Ich machte ihr immer wieder Vorschläge, was sie machen könnte, doch zu allem sagte sie Nein". So saß sie meistens neben mir, wo es ihr oft langweilig war und ihr deshalb der 'Kindi' auch keinen richtigen Spaß machte. Zuhause gefiel es ihr viel besser - deshalb kam sie auch immer sehr unregelmäßig. Eines Tages plötzlich wollte sie absolut nicht mehr im 'Kindi' bleiben. Sie klammerte sich an ihrer Mutter fest und steigerte sich total ins Weinen hinein. Wir versuchten es mit gutem Zureden, mit Versprechungen, mit Ablenkung - nichts nützte etwas. Sie hatte ihr Gesicht vergraben und war völlig unansprechbar. Wir waren alle ratlos und so nahm die Mutter sie wieder mit nach Hause. Als sich die Situation wiederholte, befragte ich ihre Mutter genauer, was denn vorgefallen sei. Was war geschehen, dass Hanna jetzt nicht mehr alleine im Kindergarten bleiben wollte? Vorher hatte sie das doch auch getan... Nach einigem Überlegen fiel der Mutter ein, dass wirklich etwas passiert sei. Sie waren vor einigen Tagen von einem Polizisten angehalten worden, der ihnen einen Strafzettel verpasste, weil sie nicht angeschnallt waren. Seitdem sei Hanna so ängstlich und würde nicht mehr von ihrer Seite weichen. Als ich mir wenig später von einer erfahreneren Kinder-Psychographin Rat holte, ging mir ein Licht auf und alles war klar: Hanna war ein Handlungstyp und ein Fühler. Für sie war der Polizist und der Strafzettel ein einschneidendes Erlebnis, weil sie gegen die Regeln verstoßen hatten. Ich riet der Mutter, mit ihrer Tochter eine Abmachung zu vereinbaren, welche beinhaltete, dass sie regelmäßig in den Kindi geht - außer einmal in der Woche, da konnte sie zuhause bleiben. Mit meinem Wissen konnte ich Hanna jetzt auch gezielt handlungstypisch behandeln, z.B. mit ihr zusammen etwas machen und eine Beschäftigung finden. Wichtig war auch, sie immer wieder daran zu erinnern, dass sie selbst auf die anderen zugehen und bei ihnen mitspielen konnte. Sie stand z.B. einmal bei den Erzieherinnen und es war ihr wieder so langweilig. Alle anderen Mädchen spielten zusammen etwas am Kletterhaus. Auf meine Frage, warum sie denn nichts spiele, sagte sie: Es spielt ja keiner mit mir".. Als sie dann durch meinen Anstoß hinging und mitspielte war die Langeweile weg. Sie bekam Kontakt zu den anderen und dadurch dass sie jeden Tag da war, wurde es langsam Routine so dass sie war wieder in die Gruppe integriert war. Es dauerte nicht lan-ge und sie kam sehr gern in den 'Kindi'. Doch bis heute ist es noch so, dass sie keinen Meter im Auto fährt, ohne angeschnallt zu sein. marion.thaiss@gmx.de
Copyright: Winkler-Verlag, 7/2004, Alle Rechte vorbehalten |