Autorin: Petra Vogel

 

Über`s "Fühlen".

 

Der erste Impuls, wenn man das Wort fühlen hört, scheint wohl der zu sein, damit etwas Taktiles zu verbinden, oder aber automatisch an Emotionen zu denken. Was einerseits stimmt.

Aber andererseits beinhaltet das Fühlen im psychographischen Sinn sehr viel mehr. Das Wahrnehmen allgemein. Alles was über meine Sinne auf mich einströmt durch das Hören/ Riechen/ Schmecken/ Sehen, durchaus auch das Erleben von Berührungen.

Wobei Wahrnehmung etwas sehr Subjektives ist. Fünf Fühler würden womöglich bei ein und demselben Bild, Geruch oder bei Erzählungen, Musikstücken, etc. Unterschiedliches aufnehmen. Möglicherweise entsteht dadurch der Zweifel an der eigenen Wahrnehmung und man beginnt zu hinterfragen.

Ähnlich ist es, wenn unterschiedliche Reize gleichzeitig auf einen einwirken. Sie können das dadurch entstandene "Gesamtbild" beeinflussen, da eine Selektion zunächst schwer fällt. Zumindest dann, wenn man "Empfänger" sämtlicher Reizeinströmung ist.

Bsp.:

Man sitzt in einem Lokal. Man hört Musik, Essensgeruch steigt einem in die Nase, unwillkürlich wird man Zeuge des Gesprächs am Nebentisch, gleichzeitig möchte man sich auf das Gespräch mit dem eigenen Gegenüber konzentrieren. Da kann es mitunter zum Phänomen der "Reizüberflutung" kommen, unter der man dann zu leiden hat ("unausweichliches Fühlen").

Beneidenswert diejenigen unter den Fühlern bei denen offensichtlich die Reizeinströmung reduziert zu sein scheint. Sie können sich zeitgleich auf zwei Gespräche parallel einlassen und auch konzentrieren, da manche andere "Sinneseingebungen" bei diesen "Empfängern" nicht ankommen ("reduziertes Fühlen").

Die dritte Alternative beim Fühlen bietet das gezielte Aufnehmen von bestimmten Reizen ("gesteuertes Fühlen").

Bsp.:

Ich nehme mir ein bestimmtes Buch, welches ich lesen möchte und kann ganz darin versinken, meine Umwelt komplett ausschalten. Oder ich lege eine von mir gewählte CD ein, setze mir Kopfhörer auf, etc...

Ein Beispiel dafür, dass man als Fühler seiner Wahrnehmung nicht immer trauen kann, zeigt folgende Geschichte:

 

Duftzauber

Geschehen vor einiger Zeit während einer U-Bahn-Fahrt.

Ich steige ein, such mir einen Fensterplatz , setz mich, sehe zum Fenster raus und denke über irgendetwas nach. Ein Duft, der mir entgegenströmt, unterbricht meine Gedanken.

Angenehm, lieblich, leicht blumig, scheint eine Mischung aus Lilie, Vanille und noch was zu sein. Meine Nase und meine Augen sind auf der Suche des Ursprungspunkts. Mir schräg gegenüber sitzt eine junge Frau- eine Asiatin. "Aha, daher kommt der Duft" ist mein erster Gedanke.

Ihre Augen sind geschlossen, in ihren Ohren sind Kopfhörerknöpfe eines disc- mans. In ihrer Hand ein Buch mit Noten von Musikstücken. Ab und zu öffnen sich ihre Augen und mit ihren Fingern fährt sie die Notenzeilen nach.

Ich schließe meine Augen und unwillkürlich ist in meinem Kopf ein klassisches Musikstück. Ich genieße kurz, dann stört ein Gedanke meinen Zauber: "Ich weiß nicht, was für ein Musikstück es ist." Irritiert "erwache" ich, mein Blick schweift automatisch zu der "duftenden Frau", ich betrachte sie weiter.

Ihre pechschwarz scheinenden Haare sind zusammengebunden, stehen wie ein Borstenpinsel vom Hinterkopf ab. Ihre Kleidung: dezente Farben, kuriose Zusammenstellung allerdings, ist merkwürdig. Aber insgesamt betrachtet ein unauffälliges Kunstwerk irgendwie.

Und dann dieser Duft dazu. Das alles passt so vollkommen zusammen, dass ich meinen Blick kaum abwenden kann. Es hat fast eine erotisierende Wirkung auf mich. Ein paar Minuten später steht dieses vollkommen scheinende Geschöpf auf, steigt aus.

Der Duft bleibt noch, ich schließe meine Augen erneut um ihn mitsamt dem dazugehörigen Bild aufzunehmen, ach, könnt ich dies doch dauerhaft konservieren. Und der Duft bleibt und bleibt.

"Das kann nicht sein", schießt es mir in den Kopf und ich schau mich irritiert um. Mir gegenüber sitzt ein Kaugummi kauender Typ der Marke: "Ich bin so schön, baby". Gelackte Haare, buntes Hemd bis zum Bauchnabel geöffnet, das Gesicht mit deutlichen Aknespuren, ach Gott.

Im selben Moment steht er auf, dreht sich zum gehen, und dieser "Wahnsinnsduft" von vorhin strömt mir kurz geballt entgegen. Innerlich schüttelt es mich nun und ein leichtes Ekelgefühl überkommt mich. Zum Glück nimmt der "Macho- Mann" beim Aussteigen sein "Aroma" mit. ..

 

 

Copyright: Petra Vogel und Winkler-Verlag, 9/2004, Alle Rechte vorbehalten