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Wie ich mir das
Leben zum Freund machte Also, bisher war ich immer der festen Überzeugung, dass ich ein supertypischer Handlungstyp bin, ein Fühler, Du, gegenwartsorientiert. In der letzten Zeit kamen mir da allerdings immer öfter Zweifel. Ich ertappte mich dabei, sehr viele beziehungtypische Anwandlungen zu haben. Ist doch prima, würde da ein jeder denken, der sich mit Psychographie beschäftigt. Sie nutzt ihre Ressourcen. Aber das erschien mir zu einfach, und ich dachte noch mal intensiv nach. Da ich beim 'Du'/'gegenwartsorientiert' immer noch sicher war, dachte ich mir: "ich stöbere jetzt einfach mal in meinem 'Schatzkistchen' Vergangenheit" herum und schaue mal, was passiert. Und somit schrieb ich meine Geschichte auf (in stark geraffter Form versteht sich, denn sonst wäre es ein ganzes Buch geworden):
Kleine Petra: Als kleine Petra wanderte ich durch mein Leben, oft traurig und unglücklich, denn nie hatte ich das, was ich wollte. Ich wollte geliebt werden - um jeden Preis. Und dafür ließ ich ganz schön viel mit mir geschehen! Ich ließ mich schlagen, mich ausnützen und missbrauchen, hängte ständig mein Mäntelchen in den Wind, hatte enorme schauspielerische Fähigkeiten. Im Grunde ziemlich faszinierend. Ich war fantasievoll und konnte die tollsten Geschichten erzählen. Ich wollte mich einfach interessant machen. Letztendlich brachte dies aber nicht das gewünschte Ergebnis. Es gab immer irgendetwas, das jemand an mir auszusetzen fand. Den einen war ich zu kindlich und naiv, den anderen zu unernst und unaufmerksam, wieder anderen zu anhänglich und, und, und Und so zog ich mich in eine totale Traumwelt zurück, an die ich manchmal sogar selber glaubte. Da war alles so schön: Ich konnte albern sein, soviel ich wollte, spielen so lange ich wollte, malen, zeichnen, schreiben, wann immer ich Lust hatte- und jeder mochte mich! So wurde es irgendwie erträglich.
Einmal glücklich: Auch an der Schwelle vom Kind zum Fräulein erlebte ich mich nur als Püppchen meiner Umwelt, das man nur mochte, wenn es hübsch aussah, einem Honig ums Maul schmierte und nach Plan funktionierte. In meinen Beziehungen zu Männern sah es ähnlich aus. Ich hatte zahlreiche Affären. Aber es lief immer gleich ab: Ich sehnte mich nach Liebe und bekam Sex- das war's. Einfach katastrophal! Um das aushalten zu können machte ich mir unbewusst die Abwehrmechanismen der Psyche zu Nutze und habe das meiste dann erfolgreich verdrängt. Dachte ich! Als ich dann 24 Jahre alt war, brachte ich, mittlerweile verheiratet (vermutlich mit einem Beziehungstyp+Fühler), einen süssen Jungen zur Welt. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben ehrlich glücklich. Ich spürte, dass dieses Kind mich bedingungslos liebte. Es war der Traum! Aber das Glück sollte nur von kurzer Dauer sein. Im zarten Alter von dreieinhalb Monaten erlitt mein Augenstern einen Herz-Kreislaufstillstand und lag nach mehrmaligen Reanimationsversuchen im Koma. Eine Welt brach für mich zusammen. Das war nach allem, was ich bis dahin schon erlitten hatte, das totale AUS. Und ich denke, dass ich damals, ich glaube, ich könnte sogar den exakten Zeitpunkt bestimmen, meine handlungstypischen Energien voll aktivierte. Niemand erkannte mich wieder. Vor allem ich mich selbst nicht. Ich war wie eine Maschine - aber mit ganz enorm viel Angst und Panik in mir. Ich wusste nur eins: Ich will, dass dieses Kind am Leben bleibt.
Powerfrau: Ich vergoss nicht eine Träne, unterhielt mich stundenlang mit Ärzten und Professoren, wälzte Bücher über cerebrale Hirnschädigungen und über Koma-Patienten. Ich saß Tag und Nacht am Bett meines Kindes, habe ihn gestreichelt, ihm vorgesungen und Geschichten erzählt. Ich laß ihm Bücher vor, zum Schluss sogar schon Kochrezepte, da ich keine Ahnung mehr hatte, was noch. Ich ging los und kaufte in der Stadt Spieluhren und Kassetten, da mir erzählt wurde, dass Koma-Kinder möglicherweise im Unterbewusstsein hören können. Es war echt traumatisch und dramatisch. Nach drei Wochen wachte der Kleine endlich wieder auf - mit der niederschmetternden Diagnose: schwer mehrfachbehindert, d.h. geistig, körperlich, spastisch behindert. Nachdem das Kind ja nun wieder selbstständig atmete, wurde mir in einem zweiwöchigen Crash-Kurs das Füttern über eine Ernährungssonde, das korrekte Verabreichen von Medikamenten und das tägliche Handling mit den total versteiften Gliedmassen beigebracht. Dann wurden wir nach Hause geschickt. So!
Powerfrau II: Und dann begann der Spießrutenlauf. Damals fühlte sich niemand dazu berufen, mir und meinem schwerbehinderten Sohn in dieser Situation zu helfen. Helfen vielleicht schon, aber erst, wenn ich selbst die dementsprechenden Stellen gefunden hatte und um Unterstützung bat. Und das war das eigentlich Furchtbare. Um Hilfe bitten zu müssen! Aber es musste sein. Und auch dann wurden uns Steine der Bürokratie in den Weg gelegt. Ein langer, mühsamer Weg lag vor uns. Aber auch ein lehrreicher Weg! Wir tingelten von Arzt zu Arzt, probierten verschiedene Physiotherapeuten aus, verbrachten immer mal wieder eine Zeit im Krankenhaus, da diese Ernährungssonde immer wieder Schwierigkeiten machte.
Was mich zudem total frustrierte, war die Tatsache, dass mein Leben fortan nur noch von Zahlen bestimmt wurde. Es musste eine exakte Menge verschiedener Medikamente präzise und zu bestimmten Uhrzeiten gegeben werden. Die Krankengymnastik musste soundso oft am Tag stattfinden, jede Übung drei Minuten. Dazwischen die Mahlzeiten, die ca. zwei Stunden in Anspruch nahmen, etc. Aus unserem bisherigen dolce vita" musste ein perfekt organisierter, regelmäßig verlaufender Tagesplan entstehen. Aber um meinem Sohn, der völlig orientierungslos schien, pausenlos von Krampfanfällen geschüttelt, eine Chance zu geben, sich zurecht zu finden, blieb mir keine andere Wahl.
Und mehr noch Und wenn es dann mal dicke kommt, dann richtig. Zunehmend mehr machte ich mir über meinen Mann Gedanken. Was schon länger meine Vermutung war, bestätigte sich durch genaues Beobachten und Einholen von Informationen: Er war alkoholkrank. Ich lief Amok, aber es glaubte mir niemand, jeder hielt mich nur für hysterisch, wie immer. Ich fühlte mich so schrecklich hilflos. Das Leben zu dritt unter einem Dach wurde zur Zerreißprobe. Nach drei Jahren war ich mit meinem Latein am Ende und musste eine Entscheidung treffen. Das hieß für mich, einen Menschen, der mich von Herzen liebte, vor den Kopf zu stossen. Aber ich hatte nur die Kraft für einen Kranken. Es war die Hölle! Nach langen Überlegungen entschied ich mich für meinen Sohn. Der brauchte mich und konnte ohne mich nicht. Und ein Heimplatz für ihn kam für mich nicht in Frage, zumindest zu der Zeit. Der Alkoholiker, so wusste ich mittlerweile aus regelmässigen Besuchen bei Al-Anon (Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholkranken), konnte nur sich selber helfen, wenn er das wirklich wollte. So reichte ich die Scheidung ein und tren-nte von heute auf morgen die gemeinsame Wohnung in zwei Bereiche. Das Trennungsjahr musste ja damals noch erfolgen. Mein armer Mann fiel aus allen Wolken, als er von einer Geschäftsreise heim kam und vor vollendete Tatsachen gestellt war. Und unser gemeinsames Umfeld auch. Es hatte keiner eine Ahnung davon, dass dem ganzen Geschehen ein dass dem Ganzen ein langer Leidens- und Denkprozess vorausging.
Die grosse Petra: Aber, wenn die grosse Petra dann einmal eine Entscheidung getroffen hat, blieb es auch dabei und so zog ich das Jahr auch gnadenlos durch. Gnadenlos nach außen hin zumindest. Innerlich zerriss es mich fast. Miterleben zu müssen, wie mein Mann litt unter der Trennung und dennoch keine Lösung zu finden, die ALLEN gerecht wird, war schrecklich, aber letztendlich der einzige Weg, um nicht selber unterzugehen. Ich konnte mich doch nicht in so sozial unsichere Gefilde runterziehen lassen, die diese Krankheit eben mit sich bringt. Ich dachte, dass ich nun endlich an mich selber denken müsse, wenn ich mir und meinem Kind helfen wollte. Damals entdeckte ich per Zufall irgendwo eine Interpretation des gesunden Egoismus", der in etwa so definiert war: Bist Du gut zu Dir selbst, kannst Du gut zu anderen sein und das wird wieder zurückkommen". Das war mein Stichwort! Das half mir erst mal über diese Misere hinweg.
Endlich Ruhe? Nach einem Jahr zog mein Mann dann aus und ich war mit meinem Kind alleine. Endlich etwas Ruhe um nachzudenken, sich zu sammeln und sich neu zu orientieren - so dachte ich jedenfalls. Aber sofort schlug die Bürokratie wieder zu. Das Wohnungsamt entschied, dass die Wohnung nun zu groß für zwei Personen wäre und wir doch auszuziehen hätten. Das wollte ich nun aber gar nicht. Ich bäumte mich also noch einmal auf und gewann den Kampf. Wir konnten bleiben. Eine neugewonnene Liebschaft erleichterte mir den Abschied von meinem Mann und an der Oberfläche schien sich alles bestens zu entwickeln. Etwas Ruhe kehrte ein. Dieser Zustand der augenscheinlichen Zufriedenheit hielt für ca. ein Jahr an. Nach ein paar weiteren Liebschaften, die ich letztendlich immer selbst zum Scheitern brachte, da ich eigentlich nicht noch mehreren Personen gerecht werden wollte, bzw. konnte, nach ständigem Kampf um Besserung des Zustandes von meinem Kleinen, kam es plötzlich wie aus heiterem Himmel über mich hereingebrochen: Das grosse, schwarze Loch!
Das schwarze Loch: Eigentlich völlig unerwartet, deshalb traf es mich wahrscheinlich gleich richtig heftig. Ich hasste mein Leben! Ich hasste mich! Ich war wütend, traurig, ekelte mich vor mir selbst, fühlte mich schuldig, hatte zu gar nichts mehr Lust, weil ja alles keinen Sinn machte für mich, wollte niemanden mehr sehen - es gab eh nicht mehr viele, die sich für uns interessierten- und überhaupt - alles war sch ... In dieser Zeit weinte ich alle Tränen der vergangenen Jahre, die ich immer nicht weinen konnte. Und das Schlimmste war: Ich fühlte mich so furchtbar alleine! Ich habe keine Ahnung mehr, wie lange dieser Zustand andauerte jedenfalls lebte und litt ich einfach so vor mich hin, erledigte alles Nötige in völliger Lethargie. Ich wusste allerdings, dass ich irgendwann aufräumen muss - in mir drin. Aber das schob ich erst mal vor mich hin. Ich war so kraftlos und ausgepowert. Ich wartete darauf, dass irgendjemand mir neue Batterien liefert, aber die kamen nicht. Irgendwann hatte ich es auf jeden Fall satt. Und damit kam die Wende.
Ich bin wieder da! War es wie bei einem Suchtkranken, der zuerst am Tiefpunkt seiner Karriere" angekommen sein muss, damit er die Kraft und den Willen hat, etwas zu ändern? Jedenfalls saß ich eines Tages plötzlich da und schrieb Listen. Ja, Listen. Ich dachte: Mensch, da muss es doch Dinge gegeben haben, die funktioniert haben in Deinem Leben. Du bist noch so jung und musst noch eine ganze Zeit lang durchhalten. Ich muss diese wiederfinden. Ans Werk! Es gab Listen über: Was war gut, was war schlecht? Warum war es gut, warum war es schlecht? Was will ich, was will ich nicht mehr? Was ging, was ging nicht? Wofür konnte ich etwas, wofür nicht? Und so lernte ich allmählich etwas sehr Wichtiges: Zu unterscheiden! Und ich fand erstaunliche Dinge heraus. Es war mir ja einiges Schlechtes wiederfahren, aber letztendlich hat es mich doch furchtbar stark gemacht. Ich habe alles durchgestanden. Ich habe immer zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich konnte plötzlich Fortschritte, die mein Sohn gemacht hat, erkennen. Ich wusste plötzlich, dass die Freunde, die ich hatte, mich mochten, es gab doch welche, die zu mir hielten. Allerdings weniger wegen meines betörenden Augenaufschlags, als durch die Bewunderung dafür, was man durch innige Liebe und Ausdauer bewirken kann. Die Spreu hatte sich vom Weizen getrennt. Was mich auf der einen Seite traurig machte, war, dass ich anfing, mir auch über die Menschen, die nicht gut mit mir umgingen, Gedanken zu machen. Und ich fand, dass die eigentlich auch schlimm dran waren, weil sie wohl nicht geliebt wurden. Andererseits konnte ich ihnen so auch vergeben und es kehrte allmählich eine wohltuende Ruhe in mich ein. Vor allen Dingen fing ich an MICH zu mögen! Und das war der Schlüssel!!! Kann ich doch nur Liebe erfahren, wenn ich selbst weiß, was sie ist. Und das kann ich auch nur, wenn ich sie in MIR SELBST reifen lasse.
Die Wende: Das war eine sehr wichtige Zeit für mich. Ich beobachtete mich und mein Umfeld sehr genau, wartete ab, wie sich meine Entscheidungen anfühlten, dachte sehr viel nach und machte es meiner Umwelt zunächst ziemlich schwer, da ich plötzlich ein schrecklicher Nein-Sager wurde. Das kannte keiner von mir. Bisher machte ich etliche Zusagen, die ich meistens auch einhalten konnte, allerdings nur, indem ich ständig Vollgas" fuhr. Vor allem auch dann, wenn ich eigentlich gar nicht wollte oder konnte. Dennoch fand ich mit der Zeit ein für mich angemessenes Maß.
Heute: Meinem Sohn, der immer noch bei mir lebt, geht es im Rahmen seiner Möglichkeiten gut. Ich akzeptiere und liebe ihn, so wie er ist. Ich bin auch sehr dankbar, diese Erfahrung mit ihm gemacht haben zu dürfen. Ich habe Freunde, die mich nun schon viele Jahre durch mein Leben begleiten. Mein Mann ist letztendlich an seiner Krankheit vor drei Jahren gestorben, was mich immer noch sehr traurig macht. Heute bin ich 37 Jahre alt und habe meinen Abschluss zur Psychologischen Beraterin mit Erfolg absolviert. Seit letztem Sommer bin ich auch zertifizierte psychographische Typberaterin (PGI), was mir viel Spaß macht.
(Mail-Adresse der Autorin: ppunktvogel@yahoo.de)
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