7. Februar 2007, Autor: Werner Winkler
Abschrift eines Vortrages zur Mitgliederversammlung der Psychographie-Initiative e.V. am 3.2.2007 in Stuttgart

 

Einflüsse auf die Entwicklung meines 81-Typen-Modells
("Psychographie nach Winkler")

Drei Theorien als Anregung

Drei Theorien haben die Weiterentwicklung der Psychographie, wie sie 1990 von Dietmar Friedmann vorgestellt wurde, zu meinem 81-Typen-Modell beeinflusst:

1. Der Konstruktivismus
2. Das 3-Welten-Modell von Karl Popper
3. Die "prinzipiell unentscheidbaren Fragen" von Heinz von Foerster

 

Der Konstruktivismus

Sehr vereinfachend könnte man als Grundaussage des Konstruktivismus formulieren: "Unsere Wirklichkeit wird von uns in uns konstruiert." Aus dieser Vorannahme resultiert die bekannte Unterscheidung zwischen "Landschaft" und "Landkarte". Wenn das, was wir als Wirklichkeit erleben jedoch nur unser eigenes Konstrukt ist, ändert ein neues Konstruktionsverfahren auch unsere Wirklichkeit.

Bsp. 1: Wenn ich nicht mehr zwischen "krank" und "gesund" als zwei Alternativen unterscheide sondern eine Abstufung von 1 (sehr krank) bis 10 (extrem gesund) zu Grunde lege, ändert das automatisch meine Wahrnehmung.

Bsp. 2: Statt auf den Unterschied "Frau-Mann" kann ich auch auf die Unterschiede zwischen den drei psychographischen Typen achten und dadurch die Menschen um mich herum anders wahrnehmen.

Bsp. 3: Die Erweiterung des Gegensatzes "Kopf-Herz" durch den Zusatz "Hand" eröffnet ebenfalls neue Spielräume und ändert die Wirklichkeit, indem eine zusätzliche Alternative manches Dilemma wie durch Zauberhand auflöst.

Bei der Beschäftigung mit dem Konstruktivismus wurde mir bald klar, dass die von Friedmann beschriebenen Typen veränderbare Konstrukte darstellten - und kein "Naturgesetz", für das er Beweise vorlegen könnte. Es war einfach seine Wirklichkeit, er erlebte sie als nützlich und fand zahlreiche Menschen, die seiner Sichtweise folgten.

 

Das 3-Welten-Modell von Karl Popper

Ausgehend von der Annahme, dass sich unsere Wirklichkeit in drei Kategorien unterteilen lässt, unterschied Popper in

1. "Welt 1" (physikalische Materie - objektiv),
2. "Welt 2" (Erfahrungen - subjektiv) und
3. "Welt 3" (Sprache, Konstrukte - konsensuell).

Die Begriffe objektiv, subjektiv und konsensuell wurden hier von mir hinzugefügt - an einem Beispiel: In Welt 1 finde ich ein Tier, das mit den Flügeln schlägt, klein und zerbrechlich wirkt und durch seine bunten Farben beeindruckt. In Welt 2 entstehen durch diese Beobachtung zahlreiche Assoziationen und Empfindungen, die jedoch niemand außer mir exakt genau so erlebt. Nenne ich dieses Tier "Schmetterling" und schreibe vielleicht ein Gedicht darüber, tauchen diese Ausdrücke in Welt 3 auf und haben die Chance, von anderen angenommen und weiter transportiert zu werden.

Klar ist, dass die Psychographie in alle drei "Welten" eingreift: Es werden Bücher gedruckt (Welt 1), neue Erfahrungen gemacht (Welt 2) und gemeinsam neue Wörter benutzt (Welt 3). Hierbei ist einleuchtend, dass jede Welt-2-Erfahrung "okay" und wirklich ist, sie jedoch, um in Welt 3 Fuß zu fassen, von anderen geteilt und angenommen werden muss. Zwar ist jeder Mensch berechtigt, Neues in Welt 3 einzubringen, jedoch sind das immer Versuche, die auch ganz oder teilweise fehlschlagen können (wie am Beispiel der Kunstsprache Esperanto gut zu beobachten). Ebenso steht es mit der Optimierung bereits in Welt 3 vorhandener Phänomene - auch hier ist jeder Mensch berechtigt, Versuche zu unternehmen, womit es logischerweise zur Konkurrenz zwischen "alt" und "neu" kommt, wie etwa an der Jahrtausende alten Geschichte der Schriftentwicklung abzulesen ist. Dass wir heute nicht mehr Hieroglyphen, sondern moderne Groß- und Kleinbuchstaben eines definierten Alphabets benutzen, ist das Ergebnis vieler solcher Optimierungsversuche inklusive zahlloser Sackgassen nur scheinbarer Fortschritte.

Und trotzdem: "Die Fehlerkorrektur ist die wichtigste Methode der Technologie und des Lernens." (Karl Popper). Also fühlte ich mich berechtigt, Teile des Konstrukts "Psychographie" versuchsweise zu ändern, da sie mir fehlerhaft schienen (z.B. die Gleichsetzung von "Sachtyp" und "Denker"). Dafür sprachen zu viele Beobachtungen, die ich zwischen 1996 und 1999 gesammelt hatte (Welt 2, meine Erfahrung). Um meine Erfahrung mitzuteilen schrieb ich Texte, zeichnete eine neue Landkarte (Welt 1) und warb um Zuhörer bzw. Zustimmung (Welt 3). Natürlich war und bin ich froh, auf diese Zustimmung zu stoßen.

 

Die "prinzipiell unentscheidbaren Fragen" Heinz von Foersters

Grundaussage dieser Theorie: Manche Fragen sind frei beantwortbar, da niemand die einzig richtige Antwort kennt, falls es solch eine überhaupt gibt. Beispiele für solche Fragen wären "Warum gibt es die Welt?", "Was ist der Mensch?" oder "Wie unterscheiden sich Menschen?". Auf die letzte Frage könnte etwa geantwortet werden:

1. Menschen unterscheiden sich in gewissem Sinne überhaupt nicht - alle Menschen sind gleich."
2. Jeder Mensch ist etwas ganz Einzigartiges, Unvergleichliches.
3. Mann und Frau sind verschieden. Alle Männer und alle Frauen sind jedoch gleich.
4. Es gibt Gruppen von Menschen, die klar definierbare Unterschiede oder Ähnlichkeiten aufweisen, z.B. die drei Typen der Psychographie.

Mir wurde bald klar, dass die Frage nach der Definition und Benennung von Typunterschieden eine solche "prinzipiell unentscheidbare" ist. Daher fühlte ich mich frei, eine von Friedmann teilweise abweichende, mögliche, neue Antwort zu versuchen.

 

Das Ergebnis von drei Freiräumen

Obwohl es mir erst später klar wurde, war die Neueinteilung der Grund- und Untertypen in der Psychographie das Ergebnis jener drei Freiräume, die ich oben skizziert habe. Die "Landkarte der Psychographie", welche ich im Sommer 1999 zeichnete und auf dem 1. Psychographie-Tag im September diesen Jahres in Stuttgart den Psychographen vorstellte, war dabei nicht der erste Versuch - im Archiv der Psychographen (www.psychographen.de/archiv) sind Vorentwürfe zu begutachten, welche der Diskussion und Überprüfung nicht standhielten.

Worin ich mich jedoch leider getäuscht hatte: Dietmar Friedmann übernahm damals meine Idee nicht, weder die Landkarte noch den konstruktivistischen, konsensuellen Charakter in der Psychographie und der Typenzuordnung. Er sah - so verstand ich es - sein Modell eher als Teil von "Welt 1" (im Popperschen Sinne) oder -in seinen Begriffen- als "onthologisch". Damit könnte er durchaus recht haben, jedoch fehlen dafür derzeit jegliche Beweise. Trotz zahlreicher Diskussionen fanden wir an diesem Punkt keine Gemeinsamkeit, was letztlich zur Aufteilung der Psychographie in zwei Varianten (Psychographie nach Friedmann, Psychographie nach Winkler) führte.

"Unser Stolz sollte es sein,
dass wir nicht eine Idee haben,
sondern viele Ideen,
gute und schlechte."

(Karl R. Popper)

 

weiter zu: "Ein Plädoyer dafür, dass die psychographischen Typen möglicherweise nicht nur Konstrukte sind."

 

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