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Petra Vogel: Fremde Kleckse im Persönlichkeitsbild Über die Entstehung der Abfärbetheorie"
Ursprüngliche Theorie, nach Dr. phil. Dietmar Friedmann Dietmar Friedmann verwendete den Begriff Psychographie" im Sinne von Landkarte der Persönlichkeit" , interpretierte Persönlichkeitsunterschiede als Reaktionen auf drei eigengesetzliche Lebensbereiche" (s. dazu Lehrbuch Psychographie", S. 10, Werner Winkler, 2000) In seinem Buch Der Andere" (1990) erklärt er die Entstehung der drei Persönlichkeitstypen in Unterscheidung ihrer Rollen im Drama-Dreieck. So wie ich es verstanden habe, entstehen demnach diese Persönlichkeitstypen, respektive deren Charaktereigenschaften/ Persönlichkeitsstrukturen erst durch Erziehung und sind vorher nicht vorhanden. Bei Beziehungstypen: Diese Grundhaltungen gehen zurück auf frühe Erfahrungen des Kindes, nicht oder nur bedingt erwünscht zu sein. So erlebt es die Welt als fremd, unheimlich, abweisend oder gar feindselig." (Der Andere", S. 38) Bei Sachtypen: Diese Haltung geht zurück auf entmutigende Erfahrungen in der frühen Kindheit bei dem Versuch, ein stabiles Selbstbewusstsein aufzubauen." (Der Andere", S. 39) Bei Handlungstypen: Diese Haltung geht zurück auf eine strenge und verbietende Erziehung in der Kindheit." (Der Andere", S. 40)
Mein Zweifel Ich beschäftige mich nun seit Juli 2002 intensiv mit der Psychographie, erlernte das erweiterte Modell nach Werner Winkler, der davon ausgeht, dass man bereits pränatal ein bestimmter Grundtyp mit Untertypen ist. Beide Möglichkeiten schienen mir zunächst denkbar. Einerseits betrachte ich mein Umfeld, in dem ich Kinder mit ihren Eltern erlebe, und es überkommt mich öfters der Gedanke, dass manche Kinder sich wohl nicht frei entfalten können, sehr unter dem Einfluss ihrer Erziehung stehen, vielleicht auch leiden. Auch erlebe ich Klienten in meiner psychologischen Praxis, die mir mehr über andere als über sich selbst erzählen (können). Oftmals filtert sich nach intensiver Nachfrage relativ deutlich ein Grundtyp heraus und plötzlich schleichen sich wiederum völlig untypische Eigenschaften ein. Dies schien mir zunächst für Dietmar Friedmanns Theorie zu sprechen. Andererseits, wenn ich mich selbst betrachte und darüber nachdenke, dass oder ob meine Erlebnisse oder Erfahrungen in früher Kindheit mich entscheidend geprägt haben, schüttele ich den Kopf. Zwar habe ich selbst längere Zeit nach meinem Persönlichkeitstyp gesucht, was aber eher an meiner Gegenwartsorientierung lag und ich mir zunächst mühsam meine Erinnerungen wieder ins Hier und Heute holen mußte. Zudem bin ich selbst Mutter und erinnere mich sehr genau daran, dass mein Sohn bereits während meiner Schwangerschaft mit ihm, sein Sachtyp-Sein zeigte. Unter dem Motto:" Ich darf/soll/möchte nicht sein" (wobei er ein ausgesprochenes Wunschkind war/ist), kündigte er in der sechsten Schwangerschaftswoche seinen Abschied durch Blutungen an. Mir wurde strenge Bettruhe verordnet. Dann entschied er sich um, wollte sein. Drei Monate später überlegte er es sich wieder anders, rebellierte, starke Kontraktionen. Wieder strenge Bettruhe. Er schien zufrieden, rührte sich allerdings eine Woche nach seiner Attacke" gar nicht mehr. Sehr beunruhigt suchte ich den Arzt auf, denn dies war für ihn unüblich. Normalerweise meldete" er sich mindestens einmal täglich mit einem Schubser" gegen die Bauchdecke. Fehlalarm-gut. Dann, wiederum vier Monate später änderte er seine Meinung erneut, vorzeitige Wehen. Bis zu seiner Akut-Geburt" (Blasensprung) wurde mir fast ein Bewegungs-Verbot" erteilt. Aber dann wollte er da sein. Es gelang ihm also insgesamt 36 Wochen lang, meine permanente Aufmerksamkeit für sich zu haben. Während der ärztlich verordneten Ruhephasen" hatte ich ausschließlich Zeit für ihn. Ich las ihm vor, streichelte ihn, sang... Zudem erinnerte mich sein vielleicht bleib ich- vielleicht gehe ich" irgendwie an den Hamletmonolog Sein oder Nichtsein- das ist hier die Frage". Dies könnte man immer noch als Spekulation betrachten. Aber spätestens nach der Geburt wurde es noch mal deutlicher. Während andere Babys (damals noch im Sechs-Bett-Zimmer der Klinik) seelenruhig an Mutters Brust tranken, war mein Sohn derjenige, der grunzend" und wie wild geworden" seine Muttermilch einsog als hätte er Angst, nie wieder Nahrung zu bekommen (sachtypisch: Urlaute, Angst, nicht genug zu bekommen, Futterneid"). Nach zwei Minuten schlief er vor Erschöpfung ein, sodass auf Flaschen-Ernährung umgestellt werden musste, an die er leichter heran kam. Auch ließ er sich nicht durch Wiegen oder in-den-Schlaf-singen" beruhigen, dafür mit Frédérick Leboyers Babymassage. Und je fester die Massage, desto zufriedener wurde er. Diese Erlebnisse unterstützen für mich die Theorie von Werner Winkler. Ich suchte also nach einer Erklärung dafür, ob und warum manche Menschen wohl ihrem Typ eher fremde Eigenschaften übernehmen", manch andere jedoch relativ autark ihre typische Schiene" fahren.
Meine Abfärbe- Theorie" Ein vorläufiges Ergebnis meiner Beobachtungen war Folgendes: Diejenigen, die mich bei ihrer Typfindung ins Schleudern brachten, waren Du-Bezogene (als Bevorzugung im Unterbereich Beziehung). Sie scheinen sehr viele Ansichten, Verhaltens- und Erlebnisweisen von ihrer Umwelt abzuschauen und zu übernehmen (vgl. dazu P. Vogel, PsychoPraktika Nr. 11/ 2004). Mittlerweile möchte ich diese Theorie doch noch differenzierter betrachtet sehen, denn Wir-Bezogene und Ich Bezogene übernehmen ebenfalls gewisse Strukturen und/oder Eigenschaften. Jedoch meine ich da einen kleinen, aber feinen Unterschied entdeckt zu haben: Bei Du-Bezogenen und Wir-Bezogenen passiert dieses Abkupfern" offensichtlich automatisch. Es scheint, als ob es abfärbt", ohne dass derjenige dies wirklich bemerkt. Sie scheinen mir die wahren Opfer" von Fremdbestimmung zu sein, ohne dass sie es wollen. Ihnen fällt es mit zunehmendem Alter schwerer und schwerer, zu erkennen, was wirklich ihre ureigene Sicht der Dinge ist. Wobei der Du-Bezogene eher unter dem Einfluss von Einzelnen steht und der Wir- Bezogene sich von einer Gruppendynamik mitreißen lässt. Sollte (daraus) eine Unzufriedenheit entstanden sein, wissen sie oft nicht, wo diese herrührt und erkennen oft erst spät, dass sie unter Fremdeinfluss wahrgenommen/nachgedacht und/oder gehandelt haben. Bei Ich- Bezogenen scheint das Übernehmen" ein gesteuerter Vorgang zu sein. Ich kann ziemlich sicher sagen, was ich mir von wem abgeschaut habe und auch warum. Ich weiß, wie ich Entscheidungen früher (als Kind oder Jugendlicher) traf und dass ich aus einer gewissen Unzufriedenheit heraus (im Ergebnis) bei meinen Vorbildern" gelernt habe, Situationen anders für mich zu lösen. Wobei ich mir ebenfalls sehr genau darüber im Klaren bin, wodurch diese Unzufriedenheit hervorgerufen wurde. Mit dieser Erkenntnis und Differenzierung im Hinterkopf bin ich bei der Typanalyse/Typerkennung viel sicherer geworden. Bemerke ich also, dass sich ein Persönlichkeitsbild typfremd verändert, hinterfrage ich: · Erzählen Sie mir doch mal über Ihre Eltern", oder: · Wie würden Sie mir Ihren Partner beschreiben?" · Versuchen Sie sich bitte daran zu erinnern, wie sie als Kind waren." · Ist diese Eigenschaft eine über die Jahre entstandene oder haben Sie das Gefühl, dass sie schon immer da war/ist?" · Hatten Sie eine/n beste/n Freund/in, mit dem/der Sie viel Zeit verbrachten?" Meistens sind beide Seiten, sowohl ich als Berater als auch der Klient, sehr überrascht vom Ergebnis und der Aha-Effekt" und Klarheit sind da.
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