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16. Dezember 2004, Autor: Werner Winkler
"Aberglaube" als neue alte Gefahr für Heilungsprozesse
Gibt es das noch - Aberglaube? Bevor ich dieser Frage nachgehe, möchte ich das Wort genauer eingrenzen. Im Duden ist es mit "in religiöser Scheu und magischem Denken wurzelnder Glaube, Irrglaube" beschrieben. Es wäre also abzugrenzen zu "dogmatischem Festhalten an einer Lehrmeinung" und auch zu "probeweisem Hinzuziehen von nicht durch strikte Wissenschaft zu belegender Sichtweise". Als "Aberglaube" erlaube ich mir Ansichten oder Formulierungen zu kennzeichnen, die ohne eine von jedermann nachvollziehbare Logik Zusammenhänge, Ursachen oder Schlussfolgerungen konstruieren und daraus Therapien bzw. Verhaltensvorgaben ableitet (und in Extremfällen sogar Heilungsversprechen). Bevor ich Beispiele anführe, die mich zu diesen Gedankengängen bewogen haben, möchte ich klarstellen, dass ich beim Benennen von Methoden, in denen ich abergläubische Tendenzen wahrzunehmen glaube, nicht diejenigen abwerten möchte, die diese Methoden benutzen, lehren oder darin forschen. Jedoch möchte ich sehr wohl zu einer kritischen Überprüfung der Methoden-Grundlagen und deren Kommunikation anregen. Leider gibt es immer wieder Mitmenschen, die bereits in einer Methodenkritik persönliche Angriffe sehen und dann ebenfalls auf der persönlichen Ebene 'zurückschießen'. Es darf nicht vergessen werden, dass unsere moderne Wissenschaft ohne die magischen und abergläubischen Wurzeln überhaupt nicht gereift wäre; aber sie ist in weiten Teilen der Welt (glücklicherweise) inzwischen überwunden. Und es ist klar, dass es mehr als Wissenschaft, Logik und Theorien geben muss - nur ist es dann notwendig, das Geheimnisvolle auch geheimnisvoll zu belassen (also z.B. Geschichten, Gleichnisse, Märchen etc. zu verwenden) und nicht auf eine Stufe mit den Methoden und Wahrheiten zu stellen, die sich klarer Logik für zugänglich zeigen. Fast jedermann ist klar, dass ein "Gespräch mit dem persönlichen Schutzengel" ein eher magisches Ritual darstellt, bei der Benutzung eines elektrischen Geräts in einer Arztpraxis (z.B. zum "Austesten" von Nahrungsmittelunverträglichkeiten) oder bei der Verwendung von Präparaten aus der Apotheke ("Schüssler-Salzen") werden die allermeisten automatisch nicht an so etwas denken, sondern es in die gleiche Kategorie mit einer Röntgenaufnahme oder der Einnahme einer Jodtablette gruppieren. Fünf Beispiele, bei denen ich - exemplarisch - Aberglauben oder magisches Denken zu sehen glaube, ohne dass dies deutlich kommuniziert wird: 1. Astrologie 2. Homöopathie 3. Wirbelsäulentherapie
nach Dorn 4. Manche
Aufstellungstherapien 5. Reiki Was ich sagen will: Es ist selbstverständlich nicht "verboten", solche Methoden anzuwenden, nur sollten sie dann auch korrekt benannt werden um den Teilnehmern Überraschungen zu ersparen. Wenn ich in ein "Rockkonzert" eingeladen werde, möchte ich mich nicht in einem missionarisch-christlichen Gottesdienst wiederfinden (wie schon passiert) - genauso wenig möchte ich, wenn ich glaube zu einem "normalen" Arzt oder Psychotherapeuten in Behandlung zu gehen, plötzlich mit Methoden konfrontiert zu werden, deren Hintergründe und Vorannahmen außerhalb der üblichen wissenschaflichen Rahmen oder normaler zwischenmenschlicher Kommunikation angesiedelt sind und denen ich mich dann nur schwer entziehen kann. Wenn jemand, der mit Menschen arbeitet, es doch tut oder es für notwendig hält, sollte er seiner Aufklärungspflicht wenigstens insofern nachkommen, dass er auf die mögliche Wirkungslosigkeit einer eingesetzten Methode verweist, wenn er keine gegenteiligen Studien vorliegen hat. Dies gilt umso mehr, wenn dabei Kosten (für den Behandler: Einnahmen) entstehen, nicht nur privat abzurechnende. Sonst muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, mit der Gutgläubigkeit (oder, um es deutlicher zu sagen: mit dem Aberglauben derjenigen, die ihm vertrauen) Heilungsversprechen und Geschäfte zu machen. Vor allem wird der Hilfesuchende potentiell von jenen Methoden abgehalten (während er auf die versprochene Heilung wartet), die ihm tatsächlich - und preiswert - helfen könnten. * Wenn heute die abwesenden Familienmitglieder oder die Toten für persönliches Leid verantwortlich gemacht werden sind es morgen vielleicht schon wieder Nachbarn, die den "bösen Blick" beherrschen und übermorgen "die Hexen", die dann denunziert werden (oder Schlimmeres). Korrespondenzadresse: wewinkler@t-online.de
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